Donnerstag, 16. Mai 2002

Osttimor hofft auf stabile Zukunft in Freiheit

  • Jüngster Staat wird am 20. Mai offiziell unabhängig
  • Clinton vertritt Bush bei Amtseinführung Gusmaos

Nach mehr als vierhundert Jahren portugiesischer Kolonialherrschaft und einem Vierteljahrhundert indonesischer Okkupation wird Osttimor am kommenden Montag offiziell von der UNO in die Unabhängigkeit entlassen. Der neue Staat ist einer ärmsten der Welt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. Trotzdem verbindet die Bevölkerung große Hoffnungen mit der Freiheit.

Zu den Feierlichkeiten am 20. Mai haben sich Vertreter zahlreicher Länder angesagt, die USA entsenden Ex-Präsident Bill Clinton, der seinen Nachfolger George W. Bush bei der Amtseinführung des ersten osttimoresischen Präsidenten Jose Alexandre ("Xanana") Gusmao (Bild) in Dili vertreten wird. Der Unabhängigkeitsheld Gusmao hatte bei der Präsidentenwahl im April 82,7 Prozent der Stimmen erhalten.

80 Prozent der stimmberechtigten Osttimoresen hatten am 30. August 1999 in einem von der UNO organisierten Referendum für die Unabhängigkeit votiert. Die indonesische Besatzungsarmee und von ihr gesteuerte Milizen und paramilitärische Verbände überzogen daraufhin die Inselhälfte mit einer Welle der Gewalt. Etwa 250.000 Menschen mussten fliehen, viele wurden von der Besatzungsmacht nach Westtimor vertrieben oder verschleppt. Ein Großteil der Infrastruktur wurde zerstört. Erst eine multinationale Eingreiftruppe unter Führung Australiens setzte dem Morden ein Ende. Seit dem Abzug der indonesischen Besatzungstruppen und den schweren Ausschreitungen pro-indonesischer Terrormilizen stand Osttimor unter UNO-Verwaltung.

Im Vorjahr wurde unter UNO-Aufsicht eine Verfassunggebende Nationalversammlung aus 88 Abgeordneten gewählt. Die Wahlen hatte die Befreiungsbewegung "Fretilin" (Frente Revolucionaria de Timor Leste Independiente - Revolutionäre Front für ein unabhängiges Osttimor) mit einem Stimmenanteil von 57,3 Prozent und 55 der 88 Mandate gewonnen. Die "Fretilin" hatte bereits am 28. November 1975 nach dem Rückzug der portugiesischen Kolonialmacht die Unabhängigkeit Osttimors ausgerufen.

Unbemerkte Tragödie für Zivilbevölkerung
Weitgehend unbemerkt hatte sich nach dem indonesischen Überfall Ende 1975 in dem früheren portugiesischen Überseegebiet eine Tragödie abgespielt, für die Flüchtlinge, Kirchenvertreter und Menschenrechtsorganisationen übereinstimmend den Begriff Völkermord verwenden. Ein Drittel der vorwiegend katholischen Bevölkerung in dem 14.610 qkm großen Ostteil der 500 Kilometer nördlich von Australien gelegenen östlichsten Sunda-Insel ist nach der Invasion elend zugrunde gegangen. 1984 klagte der von den Besatzungsbehörden ausgewiesene Bischof Martinho da Costa Lopes Indonesien vor der UNO-Menschenrechtskommission des Völkermordes an. Von den 1974 registrierten 688.771 Einwohnern seiner Diözese Dili waren 259.000 nach der Volkszählung 1983 "verschwunden".

Drama begann mit "Nelken-Revolution" in Portugal
Das osttimoresische Drama begann im April 1974 mit der "Nelken-Revolution" in Lissabon, die zum Ende der 400-jährigen portugiesischen Präsenz auf der Insel führte. Wenige Tage nach der Unabhängigkeitserklärung marschierten Indonesiens Soldaten ein. Am 24. Juni 1976 erklärte Indonesien Osttimor zu seiner "27. Provinz". Das ehemalige Mutterland Portugal protestierte, brach die diplomatischen Beziehungen zu Jakarta ab und wandte sich an die Vereinten Nationen, die das Selbstbestimmungsrecht Osttimors bekräftigten. Einen großen Teil der vom Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen aufgebrachten Mittel für die notleidende Bevölkerung zweigte Jakarta als "Transport- und Verteilungskosten" an die Besatzungstruppen ab. Gegen die "Fretilin", die einen zunächst erfolgreichen Kleinkrieg führte, wandte die Okkupationsmacht eine regelrechte Aushungerungstaktik an.

Unterdrückung per Hungersnöten
Die Hungerwaffe wurde so gründlich eingesetzt, dass in zehn der 13 Verwaltungsbezirken Hungersnot herrschte. Die katholische Kirche hob hervor, dass das Vorgehen der Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung einem Ausrottungsfeldzug gegen die gesamte Bevölkerung gleichkomme. Sie weigerte sich, der Forderung Jakartas nachzukommen und die Widerstandskämpfer zur Aufgabe aufzurufen. Aus diesem Grund wurden auch Priester und Missionsschüler verschleppt und gefoltert. Durch Umsiedlung moslemischer Bauern aus Java und anderen Inseln sollte, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hervorhob, die einheimische Bevölkerung - ebenso wie in Westneuguinea (Irian Jaya) - zur Minderheit im eigenen Land gemacht werden.

1991: Blutbad in Hauptstadt Dili
Im November 1991 richteten Besatzungstruppen in der Hauptstadt Dili ein Blutbad an. Soldaten eröffneten das Feuer auf eine Trauergemeinde; dabei wurden 270 Menschen erschossen. Die Regierung in Jakarta weigerte sich, eine Untersuchung des Massakers durch die Vereinten Nationen zuzulassen. Die Symbolfiguren der osttimoresischen Unabhängigkeitsbewegung, Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo und der Auslandskoordinator der "Fretilin", Jose Ramos-Horta, wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Erst der Zusammenbruch der Suharto-Diktatur in Indonesien ermöglichte das Selbstbestimmungs-Referendum 1999.

16.5.2002 08:34