Samstag, 4. Mai 2002

Johnson plant "dritte Karriere" in der Politik

  • Ex-NBA-Superstar bringt Konsum und Hoffnung in die Ghettos

Als Basketballer war er ein Superstar. Als Geschäftsmann hat er vorgeführt, wie sich mit mutigen Investitionen die tristen Ghettos der US-Großstädte beleben lassen. Und nun fasst Earvin "Magic" Johnson eine dritte Karriere in der Politik ins Auge. Möglicherweise werde er als Bürgermeister von Los Angeles kandidieren, sagte kürzlich der 42-Jährige, der seit Jahren mit dem Aids-Virus infiziert ist.

"Die Leute wollen, dass ich kandidiere." Johnson hätte vielleicht sogar Chancen bei der Wahl. Mit seinem sozialen und unternehmerischen Engagement hat er in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er etwas bewegen kann. Sein Konzept, das schicke Cafes und glitzernde Kinopaläste in die Ghettos gebracht hat, gilt als vorbildhaft.

Seit über 10 Jahren HIV-positiv
Als "Magic" Johnson im November 1991 bekannt gab, dass er HIV-positiv war, löste er in der ganzen Welt Bestürzung aus. Johnson erklärte seinen Rückzug aus dem Profisport - und viele erwarteten damals, den raschen Niedergang und Tod eines Weltstars erleben zu müssen. Doch es kam anders.

Einflussreicher schwarzer Unternehmer
Johnson unternahm nicht nur vorübergehende Comebacks als Trainer und Spieler. Vor allem als Unternehmer bewies er, dass die HIV-Infektion nicht der Anfang vom Ende sein muss. Im Gegenteil: Er begann ein neues Leben. Mit unermüdlichem Tatendrang baute sich Johnson ein weit verzweigtes Geschäftsimperium auf, zu dem Einkaufszentren, Restaurants, Coffee-Shops, eine Immobilien- und eine Plattenfirma gehören. Heute gilt er wegen seiner Finanzkraft und des innovativen Konzepts als einer der einflussreichsten schwarzen Unternehmer der USA.

Trotz Armut genug Kaufkraft
Als Johnson seine Geschäftsidee lancierte, galten die schwarzen Ghettos mit ihren kleinen Kramläden, düsteren Kneipen und schmuddeligen Kinos unter großen Investoren als eine Sperrzone - erst recht seit den blutigen Rassenkrawallen in Los Angeles 1992. Doch Johnson war überzeugt, dass trotz der Armut genug Kaufkraft in den Ghettos vorhanden war, um größere Investitionen lukrativ zu machen. Sein Kalkül war einfach: Bewohner der Ghettos legten oft viele Meilen im Auto zurück, um ins Kino oder in ein Restaurant zu gehen - warum also nicht gleich beides zu ihnen bringen?

"Magic Johnson Theatre"
Johnson überzeugte zuerst Sony Entertainment und ging mit dem Unternehmen eine 50:50-Partnerschaft ein. Im Juni 1995 wurde in South Central, dem wohl berüchtigsten Viertel von Los Angeles, das erste "Magic Johnson Theatre" eingeweiht, ein Kinopalast mit zwölf Leinwänden. "Jeder in Hollywood sagte, das würde nicht klappen. Sie lachten uns aus," so Johnson im Rücklick.

Fünf Großkinos
Tatsächlich war der Erfolg so durchschlagend, dass der Komplex später um drei Leinwände erweitert wurde. Kooperationen Johnsons mit dem Coffee-Shop-Betreiber Starbucks und der Restaurantkette TGI Friday's folgten. Inzwischen betreibt Johnson landesweit fünf Großkinos, rund 35 Starbucks-Filialen und zwei TGI-Friday's-Restaurants.

Musik von Stevie Wonder und Miles Davis
Zu dem Erfolgskonzept gehört, dass sich Johnson auf die Vorlieben seiner afroamerikanischen Kundschaft einstellt. Starbucks überzeugte er, einen Kuchen aus Süßerdäpfeln anzubieten und als Musikberieselung Stevie Wonder oder Miles Davis aufzulegen. In den Kinos gibt es süße Limonade und scharfe Wurst. Der Absatz von Essen und Getränken in den Kino-Foyers läuft gut.

Jobs für Ghetto-Bewohner
Johnson, der aus einer zwölfköpfigen Arbeiterfamilie aus Detroit stammt, rechnet auf Grund eigener Erfahrung damit, dass schwarze Familien den Kinobesuch gern zum gleichzeitigen Abendessen nutzen. Zudem verschafft Johnson tausenden Ghetto-Bewohnern einen Job - direkt und indirekt. Sein Beispiel hat Schule gemacht: Auch andere Unternehmen ziehen mit ähnlichen Konzepten inzwischen nach.

Hoffnungsträger für Minderheiten
Zum unternehmerischen kommt das soziale Engagement: Die nach Johnson benannte Stiftung betreibt Aufklärung über Aids und Brustkrebs, vergibt Stipendien an schwarze High-School-Schüler und liefert Computer in die Ghettos. Johnsons Energie scheint unerschöpflich. Er nimmt seine Medikamente, hält sich mit Training fit - und wird zu jener Kategorie von HIV-Infizierten gezählt, bei denen das Virus in seiner Entwicklung zum Krankheitsausbruch gehemmt ist. Als Bürgermeisterkandidat wäre Johnson ein Hoffnungsträger für gleich mehrere Minderheiten: HIV-Patienten, Ghettobewohner und schwarze Unternehmer.

4.5.2002 12:50