Montag, 29. April 2002

Tausende gedachten der Opfer des Erfurter Massakers

  • Kranzniederlegung und Gedenkfeier

Ein Jahr nach dem Erfurter Schulmassaker haben am Samstag Tausende Menschen mit einer bewegenden Gedenkfeier der 16 Opfer gedacht. Rund 3.500 Schüler, Lehrer, Eltern und Einwohner erinnerten auf dem Domplatz an die schreckliche Bluttat. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) rief zu Mut und Zuversicht auf. Die Erfahrung von Tod, von Angst und Ohnmacht dürften nicht auf Dauer Macht über das Leben haben, sagte er.

Die Feier begann um 10.53 Uhr mit Glockenläuten vieler Kirchen. Um diese Zeit begann der ehemalige Gutenberg-Schüler Robert Steinhäuser vor einem Jahr das Morden, bei dem er 16 Menschen umbrachte und sich erschoss. Um 11.00 Uhr verharrte Erfurt in einer Schweigeminute. Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU) sagte, es sei noch zu kurz, wieder zum Alltag zurückzukehren. "Denn wir können nicht vergessen, wir wollen nicht vergessen."

Die Gedenkfeier unter dem Motto "Erinnern - Leben" sollte auch ein Zeichen des Neubeginns sein. In Lebenswünschen brachten Schüler, Hinterbliebene, Schuldirektorin Christiane Alt und Polizeidirektor Rainer Grube zum Ausdruck, dass die Menschen mehr aufeinander zugehen sollten, um eine solche Tat zu verhindern. Auf den Domstufen war ein großes Kreuz, aber auch ein "G" aus Sonnenblumen als Symbol der Schule zu sehen. Schüler legten darin 16 Blumengebinde für die Opfer nieder. Aus Haydns "Schöpfung" erklang "Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort".

"Wunden, die nie mehr verheilen"
Rund 1.000 Menschen erwiesen den Opfern in der Früh am Gutenberg- Gymnasium die Ehre. "Der 26. April 2002 hat Wunden geschlagen, die nie völlig verheilen werden", sagte Vogel bei der Kranzniederlegung. Schuldirektorin Alt erinnerte an die Stunden vor der Tragödie: "Hier wollen wir beieinander stehen für die, die uns so fehlen", sagte sie. Die Stunden während der Tat seien "die schwersten Stunden unseres Lebens" gewesen. Ein brennendes Herz aus Kerzen war am Boden zu sehen. Auf einem Zettel stand: "Wir lieben euch."

In mehreren Thüringer Zeitungen erinnerten Traueranzeigen an die Toten. Die Kirchen der Stadt standen seit dem Morgen für stille Andachten offen. Die Eltern des Gutenberg-Attentäters Robert Steinhäuser haben in Pressebeiträgen Ratlosigkeit über die Bluttat ihres Sohnes geäußert und sich eine Mitschuld gegeben.

29.4.2002 22:05