Sonntag, 5. Mai 2002

Kolumbianische Rebellen töten 120 Zivilisten

  • Unter den Opfern auch 37 Kinder
  • Folgenschwerster Angriff seit Beginn des Kampfes

Kolumbianische Rebellen haben bei einem Angriff auf die Kleinstadt Bojaya im Nordwesten des Landes nach Angaben der Behörden vom Sonntag ein Massaker angerichtet und mindestens 120 Zivilisten, darunter 37 Kinder, getötet. Es war der folgenschwerste Angriff in dem seit bald 40 Jahre andauernden Kampf der marxistischen Rebellengruppe "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) gegen den Staat und rechte Paramilitärs.

Dem Angriff waren Kämpfe der FARC mit starken Einheiten der rechten "Einheiten zur Selbstverteidigung Kolumbiens" (AUC) vorausgegangen. Auch am Sonntag gelang es den Streitkräften zunächst nicht, in die Urwaldregion in der Provinz Choco am Pazifik vorzudringen.

Viele Tote und Schwerverletzte befänden sich noch immer unter den Trümmern einer Kirche und eines Nebengebäudes, die die FARC am Donnerstag mit Gasflaschen-Bomben beschossen hatten, zitierte der Radiosender "Caracol" den als völlig verängstigt beschriebenen Bürgermeister Ariel Palacios. Es würden dringend Medikamente und Lebensmittel benötigt. Per Hubschrauber eingeflogene Rettungskräfte mussten die Region wegen der Kämpfe schon nach zwei Stunden wieder verlassen.

Weder Militär noch Polizei vor Ort
Hunderte Zivilisten hatten sich vor den Kämpfen zwischen etwa 600 FARC-Mitgliedern und 800 Bewaffneten der AUC nach Bojayá geflüchtet. Militär oder Polizei sind in der Region schon seit Jahren nicht mehr stationiert. Offenbar hätten die Rebellen die Zivilisten mit AUC- Mitgliedern verwechselt, fügte Palacios hinzu. Es sei aber auch nicht auszuschließen, dass sich die Guerilla habe rächen wollen.

Die FARC setzen seit Jahren mit Sprengstoff gefüllte Gasflaschen gegen Dörfer und Städte ein. Die Geschosse werden von primitiven Gestellen aus abgeschossen und haben eine sehr geringe Treffgenauigkeit. Die Explosionswucht ist jedoch enorm und kann mehrstöckige Häuser dem Erdboden gleich machen.

Auch in der Ortschaft Barbacoas in der Provinz Narino im Südwesten lieferten sich FARC-Mitglieder und Paramilitärs einen Kampf Haus um Haus. Der Gouverneur der Region, Eduardo Real, sagte, dabei seien mindestens 20 Guerilla-Kämpfer und 10 Paramilitärs gefallen. Die Zivilbevölkerung saß in ihren meist nur aus Holz gebauten Häusern in der Falle.

Pastrana kritisiert EU-Miniterrat
Unterdessen beklagte Präsident Andres Pastrana die Entscheidung des EU-Ministerrates, die FARC nicht auf die Schwarze Liste der Terrororganisationen aufzunehmen. In ihre am Freitag veröffentlichte Liste hatte die EU die rechtsgerichteten AUC aufgenommen. Die FARC, mit 17.000 Männern und Frauen unter Waffen die größte Rebellengruppe des Landes, blieben von diesem Schritt verschont, obwohl die EU mehrfach die Methoden dieser Organisation verurteilt hat.

Im Februar hatte Pastrana dreijährige Friedensbemühungen für gescheitert erklärt und einen Frontalangriff gegen die FARC angeordnet. Seither eskaliert die Gewalt in dem südamerikanischen Land, in dem die Menschen in drei Wochen zur Wahl eines neuen Präsidenten aufgerufen sind.

5.5.2002 16:13