Montag, 29. April 2002

Hilfsorganisationen warnen vor Pflegenotstand in Ö

  • 540.000 Österreicher sind hilfs- und pflegebedürftig
  • Bereits jetzt gibt es Betreuungslücken

Die Präsidenten von Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe warnten am Montag, bei einer Pressekonferenz in Wien vor einem Pflegenotstand in Österreich. Es sei höchste Zeit, eine breite öffentliche Diskussion zu dieser Thematik zu führen, war der gemeinsame Tenor. Denn in Österreich seien 540.000 Menschen hilfs- und pflegebedürftig. Diese Anzahl wird sich zum Jahr 2011 um etwa ein Drittel auf knapp 800.000 erhöhen. Aber bereits jetzt gebe es Betreuungslücken, hieß es.

Der Großteil der pflegebedürftigen Menschen werden ausschließlich von Angehörigen betreut - ein Fünftel dieser Menschen von den österreichweit etwa 5.800 angestellten Betreuungspersonen. Für einen bedarfsgerechten Ausbau dieser Belegschaft fehle es an qualifizierten Pflegekräften und am finanziellen Engagement der Kostenträger. "Laut Bedarfs- und Entwicklungspläne der Länder werden 2010 rund 8.500 Personen benötigt", sagte Fredy Mayer, Präsident der Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK).

Auch bei der Finanzierung dieser Dienste gab es Kritik der Organisationen: "Die Beiträge gehen durch eine Überbürokratisierung der Abrechnungen jedes Jahr zurück", so Mayer. "Wir sehen uns oft als Bittsteller und nicht als Partner der öffentlichen Hand", meinte Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich. Da werden z.B. Fördergelder zu spät bewilligt oder diese mit Verspätung ausbezahlt, erklärte Chalupka. "Eine Bezahlung mit Lieferung zählt im Pflege- und Sozialdienst nicht", so der Diakonie-Präsident. "Wir wollen als Partner ernst genommen werden, wir leisten ja auch gute Arbeit."

Seit zwölf Jahren ziehe sich die öffentliche Hand aus der Sozialarbeit zurück, meinte Caritas-Chef Franz Küberl. "Das ist ja in Ordnung, wenn auch die nötigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden würden." Als Beispiel nannte Küberl die Möglichkeit Spenden absetzen zu können. "Da wird dem Spender signalisiert, das was er tut, gesellschaftlich wichtig ist und auch von den politischen Verantwortlichen geschätzt und honoriert wird", meinte der Caritas-Präsident. Küberl schlug vor, diese Absetzbarkeit für eine Legislaturperiode einzuführen, um zu sehen, wie sich das in der Spendenbereitschaft auswirke.

Die Organisationen forderten auch, dass die Pflegedienstleistungen ausgebaut und entsprechend finanziert werden. "Als erster Schritt wäre die volle Finanzierung der ärztlichen und pflegerischen Leistungen im Rahmen der Medizinischen Hauskrankenpflege durch die Krankenversicherungsträger dringend notwendig", sagte Mayer. Pflegeanleitung und -beratung für Angehörige müssen als Dienstleistungsangebote integriert werden. Zudem verlangten die Präsidenten den Ausbau der teilstationären Einrichtungen wie die geriatrischen Tageszentren.

29.4.2002 12:11