Donnerstag, 25. April 2002

Österreichische Stromlösung ab Anfang 2003 operativ

  • Bartenstein: Wettbewerb bei Haushaltskunden gewährleistet
  • Achtgrößter Stromhändler Europas entsteht

Der Startschuss für eine österreichische Stromlösung ist nun mit der Einigung über die Kooperation zwischen Verbund und EnergieAllianz Austria (EAA) gefallen. Die Aufnahme der operativen Tätigkeit ist für 1. Jänner 2003 geplant, die unterschriftsreifen Verträge sollen bis 2. Juli dieses Jahres vorliegen. Kernstück der Zusammenarbeit sind eine gemeinsame Handelsgesellschaft, die auch den Kraftwerkseinsatz steuert, sowie eine gemeinsame Großkundenvertriebsgesellschaft.

Haushalts- und kleinere Tarifkunden sind von der Zusammenarbeit nicht erfasst, sie sollen von weiteren Strompreissenkungen profitieren können. Die Synergieeffekte werden mit rund 80 Mill. Euro angegeben. Es werde auch weiterhin Wettbewerb geben, so Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V).

Verbund-E.ON-Ehe nicht mehr aktuell
Vom Tisch ist die von Verbund und deutscher E.ON geplant gewesene Wasserkraft-Ehe. Allerdings seien auch europäische Partnerschaften nicht ausgeschlossen, sofern sie die Österreich-Lösung nicht beeinträchtigen, so Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) am Montag in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Wirtschaftsminister sowie den Landeshauptleuten der beteiligten Bundesländer Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Burgenland. Bei den Politikern herrschte große Zufriedenheit über das Zustandekommen der Österreich-Lösung, da dadurch die Wasserkraft in österreichischer Hand bleibe und die Anti-Atom-Politik untermauert werde.

Auch andere Bundesländer können teilnehmen
Die nun gefundene Lösung zwischen Verbund und EAA steht auch anderen Bundesländern offen. Die Steiermark ist über ihre Verschränkung mit dem Verbund aber bereits eingebunden. Tirol und Vorarlberg haben bereits im Vorfeld eine Absage erteilt. Kärnten ist ebenfalls nicht dabei. Bei Salzburg will man noch Überzeugungsarbeit leisten.

Achtgrößte Strom-Handelsgesellschaft in Europa
Die gemeinsame Handelsgesellschaft wird laut Bartenstein mit einer jährlichen Strommenge von 100 TWh die achtgrößte in Europa. Der Verbund hält zwei Drittel, die EAA ein Drittel. Gebündelt sind Produktionskapazitäten von 25 TWh Strom aus Wasserkraft sowie 15 TWh Strom aus kalorischen Einheiten. Die restlichen 60 TWh sollen aus Stromhandelsgeschäften kommen.

Die Großkundenvertriebsgesellschaft, an der die EAA zwei Drittel und der Verbund ein Drittel halten wird, soll Kunden mit einer jährlichen Stromabnahme von mehr als 4 GWh betreuen. Diese rund 400 Großkunden repräsentieren einen Markt von 10 TWh. Verkauft wird der Strom außer an die EAA-Partner auch an andere Landesversorger, über die Börse oder OTC (Over the Counter).

75% von Österreichs Kleinkunden unter einem Dach
Die Haushalte stellen in der neuen Partnerschaft ein Abnahmepotenzial von 11,2 TWh dar. Mit rund 4 Millionen Haushalten werden knapp 75 Prozent aller Kleinkunden Österreichs vereinigt. Bartenstein sprach heute von einer "win-win-Situation", bei der neben Verbund und den Allianz-Unternehmen die Haushalte die dritten Gewinner seien: Sie sollen von weiteren Stromverbilligungen profitieren, da der Wettbewerb auf der Ebene der Kleinkunden unangetastet bleibe. Alternative Vertriebswege der Partner wie etwa die Raiffeisen Ware Wasserkraft (RWW) von Verbund und Raiffeisen bleiben bestehen.

Für den Strom aus Wasserkraft soll der Verbund einen Zuschlag von von 1,1 Euro je MWh erhalten. Dies betrifft rund 11,2 TWh bei den Kleinkunden, allein daraus könnte der Verbund rund 12 Mill. Euro im Jahr lukrieren. Es handle sich dabei um einen "internen Zuschlag", der nicht bei den Endkunden landen werde, betonte Bartenstein. Der Rest auf insgesamt 16 bis 17 TWh Wasserkraft-Strom, den der Verbund TÜV zertifizieren ließ, soll an Dritte verkauft werden, die laut Verbund-Vorstand Johann Sereinig ebenfalls zumindest 1,1 Euro je MWh Zuschlag zahlen müssen. Der Verbund erwartet laut Finanzvorstand Michael Pistauer aus der Österreich-Lösung spätestens für das zweite Jahr Synergien von 40 Mill. Euro. Der E.ON-Deal hätte nur rund 25 Mill. Euro gebracht.

Die beiden gemeinsamen Gesellschaften für Stromhandel und -vertrieb sollen mit kaum mehr als 250 Mitarbeitern auskommen, wobei 130 bis 140 im Handelshaus und etwas mehr als 100 im Großkundenbereich tätig sein sollen.

Schüssel: Keine kartellrechtliche Probleme
Kartellrechtliche Probleme sieht Bundeskanzler Schüssel nicht, der wirkliche Markt heiße Europa und damit seien alle Kartellargumente hinfällig. Für die Großkunden stehe der europäische Markt offen, wurde heute betont.

Zur EnergieAllianz gehören die Wiener Stadtwerke, die niederösterreichische EVN, die Energie AG Oberösterreich (EAG), die burgenländischen Versorger Bewag und Begas sowie die Linz AG.

25.4.2002 20:49