Freitag, 26. April 2002

Zehntausende demonstrieren in Frankreich gg. Le Pen

  • Von Lille bis Marseille Demonstrationen für die Demokratie
  • Le Pen peilt 30 Prozent der Stimmen in Stichwahl an

Hunderttausende Franzosen haben auch am Samstag wieder gegen den rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Jean-Marie Le Pen protestiert. "Nieder mit der Nationalen Front", skandierten die Demonstranten in Paris. Ein Mann trug ein Plakat vor sich her mit der Aufschrift: "Ich schäme mich." Die Kundgebung in Paris war die größte der zahlreichen Proteste im ganzen Land. Le Pen peilt bei der Stichwahl ein Ergebnis von zumindest 30 Prozent an. Seinen Gegenkandidaten, Amtsinhaber Jacques Chirac, forderte er zum Rücktritt auf.

Von Lille im Norden bis Marseille im Süden folgten die Demonstranten aber dem Aufruf von rund 60 Verbänden und Organisationen zu Kundgebungen zur Verteidigung der Demokratie. Zu den Protesten aufgerufen hatten unter anderem die Grünen, die Kommunistische Partei, Schülerverbände und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen. In Marseille, der Hochburg von Le Pen, gingen rund 15.000 Menschen auf die Straße, um ihre Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus auf der Straße deutlich machen.

Zahlreiche Politiker und Prominente schlossen sich dem Protestzug in Paris an, darunter Umweltminister Yves Cochet, Bürgermeister Bertrand Delanoe sowie die Schauspielerinnen Charlotte Gainsbourg und Isabelle Adjani. Rund 2.000 Sicherheitskräfte waren im Einsatz. Mehrere zehntausend Menschen versammelten sich nach Polizeischätzungen auf dem Place de la Republique.

Vor allem junge Menschen demonstrierten
Seit dem Erfolg Le Pens in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 21. April haben täglich zehntausende vor allem junger Menschen demonstriert. "Wir Einwanderer haben Angst", erklärte der 17-jährige Tarik Fadili bei der Kundgebung in Paris. "Dass Le Pen es in die zweite Runde geschafft hat, bedeutet, dass viele Franzosen ebenso denken wie er. Das macht mir schwer zu schaffen."

Umfragen zufolge kann Staatspräsident Jacques Chirac in der zweiten Wahlrunde am 5. Mai rund 80 Prozent der Stimmen erwarten. Le Pen betonte aber am Wochenende, die Umfrageergebnisse hätten keinerlei Anspruch auf Gültigkeit. "30 Prozent der Stimmen wäre am 5. Mai eine bittere Niederlage für mich", sagte er der Zeitung "Le Monde" (Samstagausgabe). "Ich kämpfe für mehr als das." Für den im ersten Wahlgang ausgeschiedenen sozialistischen Premierminister Lionel Jospin, der nach seiner Niederlage den Rückzug aus der Politik ankündigte, hat Le Pen Lob parat. Der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" (Samstagsausgabe) sagte der rechtsextreme Politiker: "Im Gegensatz zu Chirac besitzt er Moral."

Le Pen will Frankreich aus EU herausführen
Le Pen hat erklärt, im Falle eines Wahlsiegs Frankreich aus der Europäischen Union herauszuführen. "Die EU ist eine einzige Addition von Schwächen", zitiert das Nachrichtenmagazin "Spiegel" Le Pen in seiner neuen Ausgabe.

26.4.2002 21:14