Jedes 4. Mädchen, jeder 6. Bub werden missbraucht
- Gewalt an Kindern: Immer noch wird zu viel weg geschaut
- Bei Symposion in Salzburg mehr Hellhörigkeit gefordert

Von den 1,3 Millionen Kindern unter 15 Jahren in Österreich werden rund 300.000 geprügelt, drei bis fünf Prozent davon erleiden dabei schwerste Misshandlungen, die bis zum Tod führen können. Zu sexuellen Übergriffen komme es bei jedem vierten Mädchen und jedem sechsten Bub.
Aus Angst, noch mehr Schaden anzurichten, würden viele immer noch weg schauen, kritisierte die Salzburger Kinder- und Jugendanwältin Andrea Holz-Dahrenstaedt am Donnerstagabend bei einem Symposion zum Thema "Gewalt und Missbrauch von Kindern - was tun?" in Salzburg.
Nur ein Drittel der Anzeigen führt zu Verurteilungen
Eine Anzeige gegen die Täter - die etwa bei sexuellem Missbrauch zu 98 Prozent zum Familien- und erweiterten Bekanntenkreis der Opfer zählen - sei in vielen Fällen richtig, aber nur ein Drittel der Anzeigen führe auch zu einer Verurteilung. Das Problem sieht die Juristin dabei bei den vorschnellen Anzeigen: "Kinder empfinden nach einer Aufdeckung nicht nur Erleichterung, sondern auch Scham und Schuldgefühle. Die Liebe zu den Eltern sowie Angst vor Polizei und Gefängnis sorgen dafür, dass das Kind keine Aussage mehr macht", erläuterte Holz-Dahrenstaedt. Wenn es dann zu einer Einstellung des Verfahrens komme, werde sich das Opfer "nie wieder irgend jemandem mitteilen".
"Mehr Hellhörigkeit" wünschte sich Frauenärztin Barbara Maier vom Salzburger Landeskrankenhaus auch von Seiten der Ärzte. Besonders bei Beschwerden, deren Ursache nicht genau festgestellt werden könne, müsste - verbunden mit einem Gesprächsangebot - mehr nachgefragt werden. "Jede dritte Frau, die als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs war, hat das nie jemandem erzählt. Und: Durchschnittlich dauert es sechs Jahre, bis Betroffene darüber sprechen können", so Maier.
Von den Schwierigkeiten, Kindesmisshandlung als Ursache von unterschiedlichsten Symptomen zu erkennen, berichtete Leonhard Thun-Hohenstein, Leiter der Neuropädiatrie und Psychosomatik am Salzburger Landeskrankenhaus. In einer - aus Kinderpsychologen, Gynäkologen und Kinderchirurgen - bestehenden Kinderschutzgruppe werden jährlich rund 40 bis 50 Verdachtsfälle besprochen. Dabei müsse man immer noch davon ausgehen, dass es in rund fünf bis zehn Prozent zu falschen Beschuldigungen komme.
Missbrauchte Kinder: Aufklärung führt wieder zu Traumatisierung
Die Arbeit sei aber auch deshalb schwierig, weil die Umstände der Aufdeckung bei knapp jedem dritten Kind zu einer zweiten Traumatisierung führen, meinte der Arzt. Notwendig wäre zudem eine Nachbetreuung der Opfer: "Wir haben keine Daten darüber, was aus diesen Familien geworden ist", kritisierte Thun-Hohenstein.
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