Donnerstag, 25. April 2002

NEWS: Kardinal Schönborn doch Papst-Nachfolger?

  • Der Erzbischof wird immer öfter in der Papstnachfolge genannt
  • Plus: Die Papst-Kandidaten und Meinungsforum

Wiens Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn ist in fast aller Theologen Munde. Im Vatikan und europaweit. Millionen Menschen verfolgen via TV die Gebrechlichkeit von Papst Johannes Paul II.: Seine schmerzhafte Arthrose im Knie, fortschreitender Parkinson und der nach vielen Operationen schlechte Allgemeinzustand des Pontifex lassen die Welt bangen. Oft schon wurde mit dem Ende dieses Pontifikats gerechnet, diesmal kann es bald sehr ernst werden. Gegebener Anlass für immer lauter werdende Nachfolge-Spekulationen.

Sie betreffen auch Wiens Kardinal. So kommt das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zu dem Schluss: "Der Österreicher ist auch in der politischen Mitte der römisch-katholischen Purpurträger wohl angesehen." John L. Allen jr., Vatikankorrespondent des US-Weekly "National Catholic Reporter" und Biograf des Kurien-Kardinals Joseph Ratzinger: In dessen einflussreichem Konservativen-Block sei, "der Wiener Kardinal Christoph Schönborn natürlich ein führendes Mitglied".

NEWS recherchierte in österreichischen Kirchenkreisen, wie diese jüngsten Schönborn-Erwähnungen im Papst-Nachfolgekarussell einzuschätzen wären. "Sicher, er hat einige Eigenschaften, die erklären, warum sein Name auftaucht", sagt ein Insider und Schönborn-Kenner. Sein größtes Plus: "Der Kardinal ist polyglott. Er ist frankophil, gleichzeitig aber auch ein guter Kenner der Kirchenszene im angelsächsischen Raum. Und nicht zu vergessen: seine Brückenfunktion zur Ostkirche." Schönborn ist viel unterwegs. Auch in Afrika und Indien ist der Österreicher gern gesehener Referent zu Glaubensfragen.

Schönborn ist im Vatikan geschätzt
Eigenschaften, die in Rom hoch geschätzt werden. Dort habe sich, so der Schönborn-Intimus, der Wiener Kardinal durch seine Arbeit am Weltkatechismus einen extrem guten Namen gemacht: "Er ist seitdem im höchsten Klerus des Vatikans verankert und gilt als einer der ihren." Unklar sei, ob ein anderer Wesenszug dem Kardinal zum Vor- oder zum Nachteil gereichen wird: "Schönborn lehnt es ab, für sich in Rom die Fäden zu ziehen." Anders als etwa Mitfavorit Kardinal Francis Arinze (Nigeria) kümmert sich der Wiener Erzbischof bewusst nicht um Machtspielchen rund ums Konklave. "Er hat auch immer wieder Einladungen für Vorträge in höchsten Kreisen der italienischen Politik. Doch die nimmt er nicht an." Mutig, spielen diese Kontakte doch auch immer wieder eine Rolle bei der Papstwahl.

Was für Schönborn spricht.
Professor Paul Zulehner, Theologe und Kenner der Vatikan-Szene, überrascht es überhaupt nicht, dass Schönborn immer intensiver "papabile" genannt wird: "Ich glaube, er hätte tatsächlich einige Qualitäten für das Papstamt. Zunächst seine doch relativ adelige kommunikative Kompetenz, dazu ist er mediensicher – man erinnere sich an seine aus Sicht Roms seriöse Performance im Fall Groër und was er zur Kapruner Tragödie zu sagen hatte –, und er ist vielsprachig und weltläufig." Was Schönborn vor allem aber für das Papstamt prädestiniere, so Zulehner: "Er ist ein liberaler Konservativer und strikt gegen Beliebigkeiten, er verbindet seine klaren Positionen aber mit einem absolut freiheitlichen Umgang mit den Menschen. Außerdem: Kunst, Literatur und Poesie – er hat Modernität in sensiblen Bereichen und ist vor allem auch ein Ästhet."

Auswirkung auf Österreich
Sollte Schönborn zum Papst (oder anders in den Vatikan) berufen werden, hätte das natürlich große Konsequenzen für die heimische Kirchenszene, speziell in Wien. Zulehner glaubt, "dass ein Papst Schönborn für jede Überraschung gut ist." Hieße: Kompletter personeller Umbau der katholischen Kirche in einem Zehnjahresplan, denn, so Zulehner: "Alle bischöflichen Persönlichkeiten, die jetzt im Gespräch sind, stünden, bei allem Respekt, nicht für den nötigen Aufbruch." Und wie reagiert der Kardinal selbst auf solche Gerüchte? Ganz trocken: "Gott schütze die Kirche und mich davor!"

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25.4.2002 12:08