Donnerstag, 25. April 2002

Jugoslawischer Ex-Armeechef stellt sich Den Haag

  • Ojdanic am Freitag erstmals vor UNO-Tribunal

Der frühere jugoslawische Generalstabchef Dragoljub Ojdanic wird am Freitag erstmals vor das UNO-Tribunal in Den Haag treten. Der 60-Jährige traf am Donnerstag mit einem Linienflug der jugoslawischen Luftfahrtgesellschaft JAL in Amsterdam ein und stellte sich gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen um 10.30 Uhr den Vertretern des Tribunals. Er wurde in das Tribunalsgefängnis Scheveningen in Den Haag überstellt.

Vor seinem Abflug sagte Ojdanic, er fühle sich unschuldig und als Held: "In Den Haag werde ich die Ehre der jugoslawischen Armee verteidigen und meine Unschuld beweisen". Ojdanic werden Kriegsverbrechen in der serbischen Provinz Kosovo vorgeworfen, die er auf Befehl des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic verübt haben soll. Er galt als enger Mitarbeiter von Milosevic, der sich sich bereits im Gewahrsam des Tribunals befindet. Er befehligte die jugoslawische Armee in den Jahren 1998/99, als diese im Kosovo gegen aufständische Albaner vorging. Ojdanic argumentiert, die Armee habe bei ihrem Vorgehen im Kosovo im Einklang mit dem Gesetz, der Verfassung und dem internationalen Kriegsrecht gehandelt.

Am Vorabend seines Fluges nach Den Haag hatte Ojdanic bei sich zu Hause Reporter empfangen. Es sei eine Schande, dass er im Ausland für Anschuldigungen vor Gericht gestellt werde, für die es keine Beweise gebe, sagte Ojdanic. "Ich habe nichts getan, für das ich mich schämen müsste und mein Gewissen ist rein", fügte er hinzu. Er nahm einen seiner beiden Enkel auf den Schoß und sagte: "Ich hoffe, sie werden niemals Soldaten."

Das jugoslawische Parlament hatte am 11. April ein Gesetz verabschiedet, dass die Auslieferung mutmaßlicher Kriegsverbrecher an das Tribunal in Den Haag ermöglicht. Daraufhin legte die jugoslawische Regierung eine Liste mit 23 vom UNO-Tribunal angeklagten mutmaßlichen Kriegsverbrechern vor und forderte diese auf, sich zu stellen. Auf der Liste stand auch der Name Ojdanics. Er war der erste, der der Aufforderung nachkam. 17 der 23 Serben haben sich geweigert, sich selbst zu stellen. Von dem Erscheinen aller 23 Angeklagten vor dem Tribunal machen die USA die Bereitstellung von Wirtschaftshilfen für Jugoslawien abhängig. Sie waren eingefroren worden, nachdem Jugoslawien Ende März eine Frist zur Auslieferung mutmaßlicher Kriegsverbrecher hatte verstreichen lassen.

Im Kosovo leben vor allem Albaner, die von der serbischen Regierung diskriminiert wurden und nach Unabhängigkeit strebten. Gewaltaktionen von Armee und serbischer Polizei gegen die Albaner riefen 1999 die NATO auf den Plan, die mit einem Luftkrieg gegen Serbien die Vertreibung der Kosovo-Albaner verhinderte. Später marschierten von der NATO angeführte Schutztruppen in der Provinz ein, die heute faktisch ein UNO-Protektorat ist. Serbien bildet zusammen mit Montenegro die Bundesrepublik Jugoslawien.

25.4.2002 07:19