Dienstag, 23. April 2002

Al Jazeera-Interview: Haider stellte Kanzler-Anspruch

  • Mehr als 70 Millionen bei Haiders Al Jazeera-Interview
  • PLUS: Alle Reaktionen auf Haiders Live-Auftritt

Mehr als 70 Millionen Menschen verfolgten nach Angaben des arabischen Senders "Al Jazeera" Mittwoch Abend das Interview, das Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider dem Sender gab. Haider begrüßte seinen Gesprächspartner Ahmad Mansour in arabischer Sprache, bevor das Frage-Antwort-Spiel begann. Im Zuge dessen erklärte Haider, es wäre weiter sein Ziel, in Österreich Kanzler zu werden. Die SPÖ nahm dies zum Anlass, um über Susanne Riess-Passers "Ablaufdatum" nachzudenken (siehe Kasten rechts).

Nach kurzfristigen Leitungsproblemen - das Interview wurde im ORF-Landesstudio Klagenfurt aufgenommen und in die Sendezentrale nach Katar überspielt, konzentrierte sich Mansour bei seinen Fragen auf den Nahost-Konflikt und das französische Wahlergebnis. Auch die Restitutionszahlungen Österreichs an die Opfer der Nazizeit kamen zur Sprache. Mansour wollte von Haider wissen, warum Österreich sich dazu bereit erklärt habe, und meinte: "War das Erpressung?" Haider wies dies zurück und betonte, es sei eine kluge Entscheidung gewesen, um Rechtsfrieden zu erreichen.

Haider: Keine Lust auf Reise nach Israel
Auf die Frage, ob Haider den Wunsch habe, nach Israel zu reisen, das ihn auf die "Black List" gesetzt und Einreiseverbot erteilt hat, sagte der Kärntner Landeshauptmann: "Es besteht kein Interesse meinerseits, ich habe meine Freunde im arabischen Raum." Er habe keine Lust, in einem Klima "des Unverständnisses und der Intoleranz" Gespräche zu versuchen. Selbst wenn Israel ihn von sich aus von der schwarzen Liste streichen würde, habe er doch seinen Stolz. Er habe sich nichts vorzuwerfen, daher reduziere sich der Wunsch nach einem Israel-Besuch "gegen Null".

Jörg Haider, "Chef der FPÖ"?
Mansour bezeichnete Haider im Verlauf des Gesprächs mehrmals als "Chef der FPÖ", der Landeshauptmann korrigierte ihn dabei nicht. Zur Sprache kam in dem Interview, zu dem Haider einen weißen Falken neben sich platziert hatte, auch das Verhältnis der Freiheitlichen zum Islam. Mansour sprach von einer starken "Islamophobie" der FPÖ und untermauerte seine These mit Aussagen von FP-Politikern; unter anderem zitierte er Peter Westenthaler, Karl Schweitzer und Hilmar Kabas. Haider wies den Vorwurf zurück, Religion sei jedermanns Privatsache. Fundamentalistische Strömungen würden jedoch auch von vielen in Europa lebenden Muslimen abgelehnt.

"Enorm" viele Anrufer bei Live-Talk
Im letzten Teil des Interviews, das in den Räumen des Kärntner FPÖ-Landtagsklubs auf Großbild-Leinwand übertragen wurde, konnten Zuseher im Studio anrufen. Laut Al Jazeera-Sendungsverantwortlichen war die Zahl der Anrufe "enorm" hoch.

23.4.2002 16:48