Ein Kuba-Reisebericht der kleinen Katastrophen
- "Raunende Langusten" von Stefan May
- Von den amüsanten Schattenseiten des Reisens

·Kuba I
Bilderreise durch die Karibik-Insel
·Kuba II
Bilderreise durch die Karibik-Insel
Als Daheimgebliebener muss man sich allzu oft die schwärmerischen Reiseberichte der globetrottenden Bekannten anhören, die ihre angeblich wunderbaren Erlebnisse in fernen Ländern ausmalen. Wer immer schon den untrüglichen Verdacht hatte, dass Individual-Reisen jedoch vielmehr zu einem Großteil aus Stress, Unannehmlichkeiten und nur knapp vermiedenem Scheitern an Alltäglichkeiten besteht, der findet in Stefan Mays Kuba-Reisebericht "Raunende Langusten" ein amüsant ehrliches Tagebuch, das die kleinen Katastrophen nicht beschönigt und dadurch die (wenigen) schönen Momente des Reisens umso klarer leuchten lässt.
Auf rund 320 Seiten spürt May in dem in der "Edition Neue Wege" erschienenen Buch mit viel Lakonik und spitzem Humor den alltäglichen Skurrilitäten des Landes nach. Die Nachtruhe störende, vom Großstadt-Europäer gleich für Skorpione gehaltene (wenn auch eigentlich völlig harmlose) Krebse auf dem Hotelzimmer, tagelanges Warten am Bahnhof und das ständig auf den Fersen folgende Vermittlerheer von dollarträchtigen Dienstleistungen ("Wohnen? Essen? Frauen?") sind Momente einer Reise, die den in Berlin und Wien lebenden freien Journalisten, vier Wochen auf eigene Faust durch das Land voller Widersprüche führte. Aber vor allem die eigenen Befindlichkeiten, die täglichen Sorgen und die keineswegs in der Heimat zurückgelassenen Probleme bilden das zu Grunde liegende Thema der reisenden Selbstschau Mays, mit einer Intimität, die anfangs eher befremdet, jedoch nach und nach den eigentlichen Reiz des Buches auszumachen beginnt.
Von Bleibe zu Bleibe, Gasthaus zu Gasthaus herumgereicht in einem landüberspannenden informellen Netzwerk an Kumpanei und Freunderlwirtschaft, findet May im Land des verfallenen Prunks auch so manche Parallele zu Österreich. Jeder scheint irgendwo jemand zu kennen, bei dem etwas billiger, besser oder einfach anders zu bekommen ist, auch außerhalb Kubas. So wird May zum Briefboten und Grüße-Ausrichter (mitten in Kuba wird ihm eine Visitenkarte der Wiener Journalistin Ro Raftl in die Hand gedrückt). Um sich einen der heiß begehrten Plätze in der Bahn intervenierend zu sichern - gemäß der Maxime "Mach ma scho", die sowohl in Kuba als auch in Österreich viele Türen öffnet -, dazu ist May jedoch zu wenig "geübter Österreicher". So manche persönliche Grenze zeigt sich eben erst im Ausland.
Auf dem Schwarzmarkt erworbene, im Hinterzimmer servierte Langusten, Nepp in Luxus-Touristenhotels, Betrügereien beim Geldwechsel, kleine oder größere Freuden mit kubanischen Freudenmädchen, Odysseen zur nächsten Auto-Werkstatt vermengen sich mit den geglückten Kontakten, der einmaligen Landschaft und den oft wunderbaren Bauten, die May bei seiner Reise entdeckt, zu einem wenn auch nicht immer stilsicher formulierten, so doch heiter-lesenswerten Gesamtbild. Lust aufs Reisen bekommt man zwar nicht unbedingt. Bei den nächsten prächtigen Reiseschilderungen, die man zu Ohren bekommt, jedoch ist man sich dank May sicher: Es wird schon ganz anders gewesen sein.
Stefan May: "Raunende Langusten. Ein Kubanisches Reisetagebuch". Edition Neue Wege, 324 Seiten, 57 Fotos, 29 Routenkarten. ISBN 3-902061-02-2, Euro 18,60
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