Rosige Zeiten für US-Waffen-Industrie
- Irak-Krieg würde Produktion und Kurse weiter hochtreiben
- Rüstungsboom wie seit Reagans Zeiten nicht mehr

Die Zeiten sind rosig für die Rüstungsindustrie in den USA. Der Krieg in Afghanistan zieht sich in die Länge, Präsident George W. Bush stockt den Verteidigungsetat kräftig auf - seit Beginn des Krieges gegen den Terrorismus erlebt die Branche einen Boom wie seit 20 Jahren nicht mehr, seit den Zeiten von Ronald Reagan.
Und sollten die Pläne für eine Militäroffensive gegen Irak wahr werden, kann die Branche auf weitere Wachstumsimpulse hoffen. US-Rüstungsaktien sind nach Einschätzung von Experten in jedem Fall noch auf längere Sicht eine sichere Anlage.
Rüstungs-Aktien seit 9/11 um 44% höher
Allein bei den vier Branchenriesen Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon und General Dynamics stiegen die Aktienwerte seit den Anschlägen vom 11. September zusammengerechnet um durchschnittlich 44 Prozent. Nicht nur, dass der Krieg kurzfristig die Produktion ankurbelt, indem Nachschub an Bomben, Ersatzteilen und sonstigen Rüstungsgütern geliefert werden muss. Vor allem ist es die Hoffnung auf eine längerfristige Serie lukrativer Aufträge, die die Aktienkurse so "dramatisch" habe in die Höhe schießen lassen, sagt Paul Nisbet von JSA Research, einem Forschungsinstitut der Luftfahrtindustrie.
Waffenarsenale müssen nachgefüllt werden
Der Afghanistan-Krieg hat die Waffenarsenale an mancher Stelle weitgehend geleert, so dass jetzt erst einmal nachgefüllt werden muss. So weitete Boeing in St. Charles/Missouri den Schichtdienst aus, um die Produktion von JDAM-Präzisionssystemen für die "smart bombs" anzukurbeln. Derzeit sind die Vorräte so erschöpft, dass nach Meinung mancher Experten ein Angriff auf Irak gar nicht möglich wäre. Die JDAM-Bomben, die per Satelittensteuerung ihr Ziel selbst suchen, haben in Afghanistan enorme Wirkung erzielt und gelten als entscheidend für einen raschen Sturz von Saddam Hussein. Die Produktion der Präzisionssysteme soll bis Jahresende auf monatlich 2000 Stück verdoppelt werden.
Doch die JDAMs sind für Boeing eher "peanuts". An das US-Militär liefert der Konzern aus Seattle unter anderem auch Kampfflugzeuge und Raketensysteme. Zwar musste das Unternehmen nach dem 11. September vorübergehend einen starken Einbruch im Geschäft mit Zivilflugzeugen verkraften. Zudem wurde ihm der Auftrag für den Kampfflieger Joint Strike Fighter, das größte Rüstungsprojekt der US-Geschichte, vom Konkurrenten Lockheed Martin weggeschnappt. Dennoch hat der Kurs der Boeing-Aktie inzwischen etwa wieder den Stand wie vor den Anschlägen erreicht.
Lockheed Martin, weltweit die Nummer eins im Rüstungsgeschäft, steht dagegen glänzend da. Das Unternehmen konnte seinen Gewinn 2001 um rund 37 Prozent gegenüber 2000 steigern. Der Aktienkurs ist seit dem 11. September um etwa 58 Prozent hochgeschnellt. Northrop Grumman verzeichnete im ersten Quartal 2002 einen Gewinnzuwachs von knapp 13 Prozent und einen Aktienanstieg seit den Anschlägen um knapp 40 Prozent. Die Aktie von Raytheon, das sich auch auf Detektorensysteme für die Innere Sicherheit spezialisiert hat, stieg im selben Zeitraum gar um rund 56 Prozent, die von General Dynamics um etwa 24 Prozent.
Boom durch Psychologie verursacht
Experten heben hervor, dass der Boom der Rüstungsaktien teils durch "Psychologie" verursacht sei - die großen Erwartungen der Anleger an die Entwicklung der Branche. Neben dem Krieg ist es vor allem der Verteidigungsetat der Bush-Regierung, der diese Hoffnungen schürt: Nächstes Jahr soll das Budget um fast 15 Prozent auf 379 Mrd. Dollar steigen, die stärkste Zunahme seit 20 Jahren. John Williams vom Nationalen Verband der Verteidigungsindustrie dämpft jedoch die Erwartungen etwas: Ein Großteil des Zuwachses sei für Wartung und Modernisierung bereits vorhandener Ausrüstung gedacht; nur etwa zehn Mrd. Dollar flössen in den Erwerb neuer Waffen. Doch sei in Folgebudgets möglicherweise mehr Raum für den Kauf neuer Systeme.
Auch Nisbet geht davon aus, dass der Boom nicht kurzfristig ist. Der Krieg gegen den Terror könne noch zehn Jahre dauern. Deshalb sei zu erwarten, dass die Regierung in den nächsten Jahren "viel mehr Schiffe und Flugzeuge" sowie weitere Ausrüstung für die Spezialtruppen anschaffe. (apa/afp)

