Sonntag, 21. April 2002

Extreme Eskalation im FIFA-Machtkampf

  • Johansson und Aigner fordern Blatters Rücktritt
  • Anlass: Weitere Suspendierung der Buchprüfungs-Kommission

Der Machtkampf im Fußball-Weltverband FIFA ist am Mittwoch zu einem erbitterten Streit um die Behandlung der Finanzprüfer eskaliert. Der Präsident der UEFA, Lennart Johansson, und sein Generaldirektor Gerhard Aigner warfen FIFA-Präsident Joseph Blatter in Stockholm Verfassungsbruch vor und forderten den Schweizer umgehend zum Rücktritt auf. Die UEFA-Spitze reagierte damit auf den am Vormittag veröffentlichten Beschluss des FIFA-Dringlichkeitsausschusses, die Suspendierung der so genannten internen Buchprüfungs-Kommission (IAC) bis zur Sitzung der FIFA-Exekutive am 3. Mai zu verlängern.

Blatter hatte den Dringlichkeitsausschuss angerufen, um seine am 11. April wegen angeblichen Vertrauensmissbrauchs ausgesprochene IAC-Suspendierung zu legitimieren. Nach Ansicht der Opposition beging er damit einen eklatanten Verstoß gegen die eigenen Statuten. Denn das IAC könne nur von der FIFA-Exekutive abgelöst werden, die den Untersuchungs-Ausschuss zur Überprüfung der FIFA-Finanzen vor fünf Wochen auch eingesetzt habe. In einer Resolution verurteilte die UEFA-Exekutive nahezu einstimmig Blatters Handlungsweise scharf und forderte ihrerseits das IAC auf, die Ermittlungen fortzuführen.

Front gegen Blatter
"Es herrscht eine Konfusion, die nicht mehr zu überbieten ist", beschrieb Aigner die Situation und forderte von Blatter Konsequenzen: "In jeder Organisation, die etwas auf sich hält, wäre der Verantwortliche in einer solchen Situation zurückgetreten." In die gleiche Kerbe schlug auch Johansson: "Ein Rücktritt wäre eine gute Idee, aber das wird er nicht tun. Er wird am 29. Mai kandidieren." Wohl wahr. Blatter reiste am Mittwoch nach Stockholm in die "Höhle des Löwen", um am Donnerstag ebenso wie sein Herausforderer Issa Hayatou aus Kamerun den UEFA-Kongress zu besuchen.

Tiefe Gräben
Zur klärenden Aussprache zwischen den mächtigsten Männern im Fußball aber wird es nicht mehr kommen. Dafür sind nicht zuletzt nach dem über die Öffentlichkeit ausgetragenen Briefwechsel der vergangenen Tage die Gräben zu tief aufgerissen worden. Johansson untermauerte seine Kritik an Blatters Amtsführung und seine Zweifel an der Solidität der Finanzen, indem er fragte: "Was kann bei der FIFA so vertraulich sein, dass es nicht einmal der Vizepräsident sehen darf? Und wenn alles in Ordnung wäre, was hätte Herr Blatter dann bei seiner jetzigen Handlungsweise zu gewinnen?"

100 Millionen Dollar verschwunden?
Passend dazu veröffentlichte die "Daily Mail" am Mittwoch einen Bericht, wonach in Blatters Amtszeit 100 Millionen Dollar aus Fernsehgeldern auf ein schwarzes Konto in Liechtenstein geflossen und nach dem Zusammenbruch des Marketingpartners ISL versickert sei. "Das ist eine Menge Geld. Wenn tatsächlich ein solcher Betrag verschwunden ist, müssen wir das untersuchen", forderte Johansson und fügte hinzu: "Wenn so etwas vorgekommen ist, können die daran Beteiligten nicht weiter im Fußball tätig sein."

Die Resolution des 14-köpfigen UEFA-Exekutivkomitees gegen Blatters Gebaren war nahezu einstimmig. "Sie alle haben ihre absolute Loyalität gegenüber der UEFA und ihrem Präsidenten versichert", betonte Johansson. Lediglich der Spanier Angel Maria Villar Lonar hatte sich der Stimme enthalten.

Blatter nennt angeblichen Verräter
Blatter verteidigte unterdessen sein Vorgehen und nannte mit FIFA-Vizepräsident Chung Mong-Joon erstmals namentlich den vermeintlichen Verräter im IAC. Der Südkoreaner habe vertrauliche Informationen weitergeleitet, lautet der Vorwurf des Schweizers, den Chung umgehend brüskiert zurückwies.

Immerhin räumte Johansson am Mittwoch ein, dass der erbittert geführte Machtkampf in der FIFA dem Fußball enorm geschadet habe. "Und ich fühle mich persönlich mitschuldig an dieser Rufschädigung des Fußballs." Ein Zurück aber könne es nicht mehr geben, "denn es geht auch um meinen Ruf".

21.4.2002 18:33