Graf schlägt neues Kapitel in ihrer Karriere auf
- "Möchte mich nie mehr für Silber rechtfertigen müssen"
- Von Berichterstattung über Privatleben erschreckt
Was über Stephanie Graf seit dem Gewinn der Silbermedaille Anfang März bei der Leichtathletik-Hallen-EM geschrieben wurde, war auch für die selbstbewußte Kärntnerin nur schwer zu verarbeiten. Gewohnt, dass sie mit sportlichen Schlagzeilen in den Zeitungen stand, wurde plötzlich in ihrem Privatleben gewühlt. Stories rund um Scheidungsgerüchte und über die angeblich "wahren" Hintergründe der Entlassung ihres Managers Robert Wagner waren die Aufmacher.
Graf bereitet sich indes mir großem Einsatz auf die Saison vor, mit der sie ein neues Kapitel in ihrer Karriere aufschlagen will. Niemals mehr will sie sich für eine Silbermedaille rechtfertigen müssen.
Über Dynamik erschreckt
"Ich möchte all das, was da geschrieben wurde, nicht kommentieren. Nur soviel: viele Dinge sind anders oder schlimmer dargestellt worden", erklärte die 28-jährige. Erschreckt habe sie aber die Dynamik, die die Sache bekommen hat. Anders als kolportiert, befindet sich Graf natürlich in der Vorbereitung auf die Saison. "Ich trainiere ganz normal, momentan ist gerade die schlimmste Phase mit 120 Kilometern in der Woche, 80 Prozent davon mit der größten Intensität." Ab Mitte Mai wird der Umfang zurückgeschraubt, am 28. Juni läuft Graf in Oslo ihr erstes 800-m-Freiluftrennen 2002.
Wellenlänge zu neuen Manager stimmt
Und die Kärntnerin geht zuversichtlich in die neue Saison, in der die EM in München Anfang August (6. bis 11.) und das Golden League-Meeting in Zürich (16.8.) die Höhepunkte sind. Mit ihrem neuen Manager Jos Hermens hat sie sich schon getroffen, er ist mit der Erstellung des Wettkampfkalenders für die Österreicherin beschäftigt, mit Sponsorverhandlungen und anderen Dingen, die der Wechsel mit sich brachte. Hermens war Graf schon im Vorjahr bei drei Golden League-Veranstaltungen hilfreich zur Seite gestanden, sie bezeichnet ihn als "Herzmensch. Die Wellenlänge stimmt, und das ist wichtig."
Keine Rechtfertigungen für Silber
Wichtig fände Graf auch, dass die Öffentlichkeit einmal darüber nachdenkt, was es bedeutet, vier Mal in Folge bei Großereignissen eine Silbermedaille zu holen. "Silber musst auch erst einmal gewinnen. Die Wenigsten wissen, was das bedeutet. Und ich will mich niemals mehr für eine Silbermedaille rechtfertigen müssen. Es ist mir auch echt schon zu blöd bei einem Erfolg immer dazu sagen zu müssen: '... und das habe ich als Österreicherin geschafft!'"
"Menschliche Geschichte"
Bei der EM in Wien steckte hinter den Emotionen nach dem Gewinn der Silbernen und dem knappen Vorbeischrammen am Weltrekord eine "menschliche Geschichte", die von Graf zur Privatsache erklärt wurde. Zuvor bei den Spielen in Sydney 2000 und der WM in Edmonton 2001 sei massiv von außen gekommen, "dass ich mit Silber nicht zufrieden sein darf. Wenn ich gesagt habe, mein Ziel ist eine Medaille, dann habe ich immer als Antwort bekommen: 'Das glaubst du ja selbst nicht!'" Für Graf bedeuten diese Medaillen "aber bei Gott keine verlorenen Rennen. Über Olympia-Silber habe ich mich vom ganzen Herzen gefreut." Und letztendlich stehe es ja nur ihr zu, zu entscheiden, ob es eine Niederlage oder ein Sieg ist.
Gold als großes Ziel
Aber als "Vollblutsportlerin" wisse sie natürlich, dass es da schon noch was gibt. Gold bei einer WM oder Olympia zu erobern, ist auch noch ihr großes Ziel. Das Vorhaben, künftig auch über die 1.500 m zu laufen, wird sie langsam in Angriff nehmen. Für heuer hat sie nur ein Rennen geplant, und auch 2003 wird sie sich noch auf die 800 m konzentrieren. "Aber bei Olympia 2004 möchte ich über beide Distanzen laufen, doch die 800 m bleiben sicher meine Perle." Und egal, was sportlich noch vor ihr liegt. "Ich weiß, wenn ich in fünf, sechs Jahren einmal auf meine Karriere zurückblicke, dann werde ich mich sowieso über jede einzelne Medaille gleich freuen."

