Samstag, 13. April 2002

Hunderte britische Soldaten starten neue Offensive

  • Größter Einsatz von Eliteeinheiten seit Falkland-Krieg
  • US-Armee ermittelt nach Raketenexplosion mit vier Toten

Rund vier Wochen nach dem Ende der US-Operation "Anaconda" in Ostafghanistan hat Großbritannien einen neuen Großangriff auf mutmaßliche El-Kaida- und Taliban-Stellungen begonnen. Mehrere hundert britische Elitesoldaten seien bereits seit mehreren Tagen im Osten des Landes im Einsatz, teilte ein Militärsprecher am Dienstag auf der Luftwaffenbasis von Bagram mit. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in London handelt es sich um den größten Einsatz britischer Eliteeinheiten seit dem Falklandkrieg 1982. Die US-Armee leitete Ermittlungen zur Raketenexplosion vom Montag ein, bei der mindestens vier Soldaten getötet worden waren.

Der Kommandeur der britischen Truppen, General Roger Lane, sagte auf der Luftwaffenbasis Bagram, eine "bedeutende Zahl" britischer Soldaten durchkämme derzeit mit Verbündeten die afghanischen Berge. Auf der Website des britschen Verteidigungsministeriums hieß es, bei der "Operation Schneegans" ("Operation Ptarmigan") solle ein hochgelegenes Tal "durchsucht und gesäubert" werden, in dem sich früher vermutlich die Taliban und Mitglieder des El-Kaida-Netzwerkes aufgehalten hätten. Nähere Ortsangaben machten Ministerium und Armee nicht. Gleichzeitig diene die Aktion der Vorbereitung "weiterer Operationen", hieß es auf der Website weiter. Im Einsatz seien Aufklärungstruppen, Elitesoldaten der Royal Marines und Kampfhubschrauber vom Typ RAF Chinook.

Die US-Armee hatte am Montag vor einem Wiederaufflammen der Angriffe von El-Kaida- und Taliban-Kämpfern gewarnt. Am Samstag war eine Patrouille von afghanischen und US-Soldaten überfallen worden. Am Samstagabend und am Sonntag feuerten Unbekannte Raketen auf die US-Militärbasis Bagram ab.

US-Armee startet Ermittlungen
Nach der Raketenexplosion vom Montag leitete die US-Armee Ermittlungen ein. Die Untersuchungen seien noch im Gang, teilte US-Major Bryan Hilferty mit. Vier Soldaten seien getötet und ein weiterer verletzt worden, als sie nördlich von Kandahar sowjetische 107-Millimeter-Raketen entschärfen wollten. Die Soldaten seien gut ausgebildet und bereits seit etwa zwei Monaten in Afghanistan stationiert gewesen. Die Explosion habe sich in einem stark verminten Gebiet ereignet.

Kommando-Übernahme durch Türkei unsicher
Die Übernahme der Führung der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) durch die Türkei wird offenbar durch Unstimmigkeiten zwischen Ankara, den USA und Großbritannien gefährdet. Wie der türkische Nachrichtensender NTV am Dienstag meldete, kehrte der designierte türkische ISAF-Kommandant General Akin Zorlu nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in Afghanistan nach Ankara zurück, ohne eine vollständige Einigung erzielt zu haben. Die Türkei hatte sich grundsätzlich bereit erklärt, die Führung der Afghanistan-Truppe zu übernehmen. Wegen der noch ungelösten Probleme kündigte Großbritannien aber bereits vergangene Woche an, britische Truppen würden die ISAF bis Juni und damit einen Monat länger führen als geplant.

Laut NTV hat sich die Türkei bisher nicht mit der Forderung durchsetzen können, als ISAF-Führungsnation weltraumgestützte Kommunikationssysteme der USA und Großbritanniens in Afghanistan nutzen zu dürfen. Vielmehr hätten Amerikaner und Briten den Türken geraten, sich bei Deutschland oder anderen verbündeten Staaten ein solches System zu besorgen. Das türkische Außenministerium habe deshalb inzwischen Kontakt mit einigen Partnern aufgenommen. Auch die Übernahme von Systemen zur Luftraumüberwachung durch die türkische Armee in Kabul sowie Fragen der Transportunterstützung für türkische Soldaten seien noch nicht geklärt. Ohne Einigung in diesen Punkte betrachte die Türkei die Bedingungen zur Übernahme des ISAF-Kommandos als nicht gegeben, berichtete NTV.

13.4.2002 08:27