Rushdie in Wien: Schlechte Erfahrung mit Propheten
- NEWS berichtet: "Über das Leben unter der Fatwa"
- NEWS-Morawa-Fest für Rushdie im Wiener MAK
Der sicherste Ort in Wien war Montag Abend das Museum für Angewandte Kunst (MAK). Auf Einladung des NEWS-Verlages und der Buchhandelsgruppe Morawa-Styria las Salman Rushdie in Wien aus seinem neuen Roman "Wut" vor. Aus Sicherheitsgründen war die Veranstaltung nur für geladene Gäste.
Im Mai 1994 war die Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur an Salman Rushdie noch als Versteckspiel unter größter Geheimhaltung und scharfen Sicherheitsvorkehrungen inszeniert worden.
Zwei uniformierte Polizisten vor dem Eingang und eine penible Besucherkontrolle mittels Metalldetektoren waren die sichtbaren Anzeichen dafür, dass jene Fatwa, mit der 1989 nach dem Erscheinen des Romans "Satanische Verse" wegen Beleidigung des Islam vom iranischen Khomeini-Regime zur Tötung des 1947 in Bombay geborenen Autors aufgerufen wurde, noch immer das Leben Rushdies bestimmt. Erst kürzlich hatte die kanadische Fluggesellschaft Air Canada für Schlagzeilen gesorgt, als sie ein (bald darauf wieder aufgehobenes) Beförderungsverbot gegen den Schriftsteller erließ.
Montag Abend war es fast eine normale Lesung. Rund 500 Literaturinteressierte (auch 140 ausgeloste NEWS-Leser), Adabeis und ein aus dem Ehepaar Scholten, Ex-Kanzler Franz Vranitzky und der Schauspielerin Andrea Eckert fanden sich im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) ein. Auf Einladung der Buchhandelsgruppe Morawa-Styria und des NEWS-Verlags las Rushdie aus seinem jüngsten Roman, dessen deutsche Übersetzung unter dem Titel "Wut" kürzlich im Kindler Verlag erschienen ist.
Neuer Roman ist stark autobiografisch
"Wut" erzählt die (als stark autobiografisch geltende) Geschichte eines jähzornigen Professors, der in einer Lebenskrise Frau und Kind verlässt und (wie Rushdie) von London nach New York übersiedelt.
Die Lesung führte im gehäuften Auftreten österreichischer Spezialitäten von Linzertorte und Kaffeehaus bis zu Klaus Maria Brandauer den Beweis dafür, warum Rushdie zuvor "Wut" schmunzelnd als "meinen ersten österreichischen Roman" bezeichnet hatte. Autor Robert Menasse, der eine lange, suggestive Roman-Passage über das "Braingirl", eine sich in der Welt der Medien und der Werbung verselbständigende Erfindung des Professors, in der deutschen Übersetzung las, stellte seine Vortragskunst mit sichtbarer Begeisterung dem berühmten Kollegen zur Verfügung.
Rushdie über sein Leben und die "Fatwa"
Natürlich habe die Fatwa sein Leben beeinflusst, wie jedes tiefgehende Ereignis ("und das war es zweifellos"), doch in welcher Weise sein Schreiben dadurch anders geworden wäre, könne er beim besten Willen nicht sagen ("Es ist wohl sicher, dass sich in den letzten 13 Jahren mein Schreiben auch ohne dieses Ereignis verändert hätte"), beantwortete Rushdie im einleitenden Zwiegespräch eine entsprechende Frage von "NEWS"-Kulturchef Heinz Sichrovsky.
Rushdie über den Nahost-Konflikt
"Ich glaube nicht, dass es eine militärische Lösung gibt", meinte Rushdie auf die Frage nach seiner Meinung zum Nahost-Konflikt. Das Problem sei, dass man zwar sehr wohl wisse, dass es nicht so weitergehen könne, dass man auch wisse, wie das Ende aussehen müsse. Doch "wir wissen nicht, wie wir ans Ende gelangen können. Denn in der Mitte ist diese riesige Blutlache, durch die wir nicht hindurch können."
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