Überreste der Spiegelgrund-Opfer beigesetzt
- Hunderte Besucher bei Gedenkfeier
- Klestil: Alle Schuldigen zur Verantwortung ziehen

·Rassengesetz
Nazis wollten "dt. Herrenrasse"
Spät, allzu spät: 57 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde am Sonntag am Wiener Zentralfriedhof der Opfer der NS-Euthanasie gedacht. "Zu lange wollten wir nicht an die Verbrechen erinnert werden, in die so viele Landsleute verwickelt waren", sagte Bundespräsident Thomas Klestil vor der Trauergemeinde. Stellvertretend für tausende Opfer der NS-Euthanasie in Wien wurden zwei Urnen mit den sterblichen Überresten zweier in der Klinik "Am Spiegelgrund" ermordeter Kinder beerdigt.
Es ist unerlässlich, alle, die damals schuldig geworden sind, im Rahmen des Rechtsstaates zur Verantwortung zu ziehen", erklärte Klestil vor Überlebenden der NS-Euthanasie und hunderten Trauergästen. Wiens Bürgermeister Michael Häupl entschuldigte sich dafür, dass einer der verantwortlichen Ärzte, Heinrich Gross, nach 1945 vorübergehend Mitglied der SPÖ werden konnte. Wie Klestil beendet Häupl seine Trauerrede mit der Aufforderung, Verbrechen wie die NS-Euthanasie nie wieder zuzulassen.
Für die Angehörigen der Spiegelgrundopfer sprach Waltraud Häupl. Ihre Schwester Annemarie fiel den NS-Ärzten im Alter von vier Jahren zum Opfer. Ihre sterblichen Überreste befanden sich in einer der Urnen, die bestattet wurden. "Es schmerzt uns sehr, dass die Republik so lange geschwiegen hat. Es schmerzt uns sehr, dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich appelliere aus tiefem Herzen, ein Zeichen der Gerechtigkeit zu setzen, damit unsere Wunden heilen können". Die Republik sollte Heinrich Gross wenigstens das Goldene Ehrenzeichen aberkennen, das er Anfang der 60er-Jahre verliehen bekam. Gross konnte nach 1945 auf der Grundlage der sterblichen Überreste der Euthanasieopfer eine zweite wissenschaftliche Karriere starten.
Die Gedenkfeiern in der Aufbahrungshalle schloss ein Schülerchor ab, der ein Lied des überlebenden Euthanasieopfers Alois Kaufmann sang. An der Spitze des Trauerzugs zur letzten Ruhestätte der Opfer gingen Jugendliche, die Bilder der am Spiegelgrund getöteten Kinder trugen. Dem Trauerzug schlossen sich u.a. Nationalratspräsident Heinz Fischer, Gesundheitsstaatssekretär Reinhard Wanek, Caritas-Direktor Michael Landau, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und der Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Shakseh, an. Am offenen Grab würdigte der Schriftsteller Robert Schindl den Kampf der Angehörigen um die Bestattung ihrer ermordeten Angehörigen. "Sie erklärten den verduzten Ärzten und den aufgeschreckten Politikern, dass sie die Gehirne ihrer Liebsten nicht in Spiritus liegend im Hinterzimmer des Tatorts aufbewahrt haben wollten". Nach dem Begräbnis dürfe nun aber nicht das Vergessen eingeleitet werden, mahnte Schindl und forderte die Errichtung einer Gedenkstätte am Ort des Mordens.
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