Mittwoch, 3. April 2002

Deutscher Papierriese Herlitz muss Insolvenz anmelden

  • Aktien-Kurs bricht um die Hälfte ein
  • Rettungsgespräche gescheitert

Der größte deutsche Papier- und Bürowarenhersteller Herlitz hat nach einer letzten Runde von gescheiterten Rettungsgesprächen Insolvenz angemeldet. Die Anträge gingen am Mittwoch beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg ein.

Wenige Stunden zuvor war ein Treffen zwischen Vertretern der Länder Berlin und Brandenburg sowie einem Bankenkonsortium abermals ohne Erfolg geblieben. Bei dem Traditionsunternehmen stehen rund 3.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, davon 1900 in Deutschland. An der Börse brach die Herlitz-Aktie zeitweise um fast die Hälfte auf weniger als ein Euro ein.

Jahrelanger Überlebenskampf
Im Jahr 2000 wies der Konzern einen Verlust von umgerechnet 51,5 Mill. Euro aus bei einem Umsatz von 488,7 Mill. Euro. Wegen missglückter Engagements in Russland sowie im Immobiliengeschäft kämpft Herlitz bereits seit einigen Jahren ums Überleben. Seit vergangenem Frühjahr hält ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank rund 70 Prozent des einstigen Familienunternehmens.

Die Insolvenzanträge betreffen zwei Firmen: die Herlitz AG und die Herlitz PBS AG Papier-, Büro- und Schreibwaren..Zum Insolvenzverwalter wurde der Berliner Rechtsanwalt und Notar Peter Leonhardt ernannt.

Kompromisse gesucht
In einem ersten Schritt muss Leonhardt nun Gläubiger und Banken an einen Tisch holen, um über einen "Massekredit" als Finanzspritze und die weiteren Sanierungsschritte zu beraten. Die Gehälter der deutschen Herlitz-Beschäftigten werden nach dem Insolvenzrecht für drei Monate vom Arbeitsamt übernommen.

Die meisten Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben
Trotz des Insolvenzantrags äußerten verschiedene Seiten die Hoffnung, dass die meisten Herlitz-Arbeitsplätze erhalten bleiben. Der Berliner Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) bezeichnete das Insolvenzverfahren als "Chance, die gesunden Kerne des Unternehmens und damit den Hauptteil der Arbeitsplätze zu retten".

Der Betriebsratsvorsitzende Christian Petsch verwies darauf, dass Herlitz im ersten Quartal "über Plan" verdient habe. "Wenn Herlitz sich durch den Insolvenzantrag von alten Belastungen befreien kann, wird es sehr interessant für andere Unternehmen", sagte Petsch.

20 Millionen Euro Bürgschaft
Am Dienstag hatten Berlin und Brandenburg gemeinsam mit den Banken nochmals nach Rettungsmöglichkeiten gesucht. Die Banken, die rund 70 Prozent der Herlitz-Anteile halten, forderten eine Bürgschaft von 20 Millionen Euro. Dies galt als Voraussetzung für einen Kredit in Höhe von 30 Millionen Euro. Die beiden Länder wollten zunächst nur neun Mill. Euro absichern, stockten das Angebot nach Angaben aus Firmenkreisen dann aber auf rund elf Millionen Euro auf. Auch dies reichte den Banken aber nicht aus.

3.4.2002 13:35