Mittwoch, 13. März 2002

Benes Dekrete weiter als Stolperstein der Diplomatie

  • Österreich-tschechische Historikerkommission gefordert
  • Botschafter Grusa: "Diskussion auf sachlicher Ebene"

Die Diskussion über die Vergangenheit und über die so genannten Benes-Dekrete soll nach Ansicht des tschechischen Botschafters in Österreich, Jiri Grusa, von der politischen auf eine sachliche Ebene gebracht werden. Grusa bekräftigte am Montag in Wien auch seine Forderung nach einer gemeinsamen österreichisch-tschechischen Historikerkommission: "Wir brauchen diese Kommission und sie braucht eine klar definierte Aufgabe."

Die Aufgabe könnte beispielsweise lauten, die Jahre 1938 bis 1945 systematisch aufzuarbeiten. Zu der Debatte um die Benes-Dekrete, sagte Grusa, dies sei ein schwieriges Thema und Benes eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Grusa erinnerte daran, das der ehemalige tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Benes in Tschechien auch ein Symbol für die Eigenstaatlichkeit des Landes sei, und man daher in der Diskussion sehr genau differenzieren müsse, welchen Aspekt von Benes man kritisiere. Sowohl in Österreich als auch in Tschechien müsse erkannt werden, dass der gemeinsame Verlust von Menschenleben in der Vergangenheit der "Preis für unsere Blödheit" war.

"Gemeinsamer Charakter trennt"
Grusa erinnerte andererseits auch an die Leistungen Österreichs, daran, dass Österreich ein Partner Tschechiens auf dem Weg aus der Isolation des Kommunismus gewesen sei, und an die vielen Verflechtungen der beiden Länder im wirtschaftlichen und im kulturellen Bereich. Grusa konstatierte, in Abwandlung eines Zitates von Karl Kraus: "Was die Österreicher und die Tschechen trennt, ist der gemeinsame Charakter."

Grusa hofft auf bessere Beziehungen
"Es ist höchste Zeit, dass wir die Schulbücher gemeinsam schreiben", sagte Grusa und betonte die Wichtigkeit, überkommene Terminologien in Schulbüchern zu identifizieren und gemeinsame zu schaffen. Vergangenheitsbeschwörung sei nicht Vergangenheitsbewältigung. Es gebe keine Alternative zur europäischen Integration. Man habe Anfang des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Chance verspielt, wie sie die EU heute biete. Die Vergangenheit sei keine Option, sie sei ein "Opium verspäteter Nationen, das die Verspätung zementiert". Grusa äußerte die Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der tschechisch-österreichischen Beziehung auch auf höchster politischer Ebene.

Grusas Vortrag über das Verhältnis zwischen Österreich und Tschechien fand auf Einladung des "Club Internationale Wirtschaft" (Club IW) in einer Reihe von Gastvorträgen aus den EU-Beitrittsländern in der Wirtschaftskammer statt.

13.3.2002 10:48