Sonntag, 10. März 2002

Studienautorin Peri spricht von drei Klischeebildern

Eine wissenschaftliche Arbeit der Hebrew Universität Jerusalem sieht "antisemitischen Konnotationen" im Sprachschatz des Kärntner Landeshauptmanns und Ex-FPÖ-Chefs Jörg Haider. Die Studienautorin Anat Peri filterte dabei drei Klischeebilder heraus: jenes des "angeblichen Holocaust-Überlebenden", jenes des "ehrlichen Juden" und jenes des "verräterischen Österreichers". Insgesamt kommt die israelische Wissenschafterin zu dem Schluss: "Haiders Antisemitismus ist ein typisches Beispiel für Nachkriegsantisemitismus im deutschsprachigen Raum."

Das berichtet "News über uns" ("NU", http://www.nunu.at), die Zeitschrift der "Arbeitsgemeinschaft jüdisches Forum", in ihrer morgen, Montag, erscheinenden Ausgabe.

Als ein Beispiel für die Verwendung der oben genannten Klischee-Bilder führt Peri laut "NU" in der Studie den Rechtsstreit Haiders mit dem verstorbenen Friedensforscher Robert Jungk an. In diesem habe Haider gleich mehrere Bilder projiziert. Der Holocaust-Überlebende Jungk kandidierte 1992 für die Grünen als Präsidentschaftskandidat.

Drei Wochen vor der Wahl habe Haider Jungk im Fernsehen beschuldigt, im Schweizer Exil 1942 eine "Jubelbroschüre" für das Dritte Reich geschrieben zu haben. "Haider versuchte einen jüdischen Holocaust-Überlebenden als Bewunderer und Kollaborateur mit den Nazi darzustellen, in dem er die Unterschiede zwischen Opfer und Täter verwischte", schreibt Peri dazu. Jungk klagte Haider vor Gericht. Dieser verlor, die Richter trugen ihm auf, sich bei Jungk für die Anschuldigungen zu entschuldigen und dies im Fernsehen zu verlautbaren, was Haider zu weiteren Aussagen veranlasst habe.

So habe Haider kritisiert, dass das Gesetz "zwei Klassen von Bürgern schafft". Er bezeichnete Jungk als "eine privilegierte Person" in einem "Zwei-Klassen-Staat", der die "Journalistenmeute" auf seiner Seite habe. Dazu Peri: "Haider wie auch seinem Publikum war klar, dass seine Bemerkungen auf Jungks jüdische Herkunft zielten. Auch wenn es keine offen antisemitischen Bemerkungen gab und Jungks Judentum kein Thema waren, haben wir es hier mit einem typische antisemitischen Diskurs zu tun, der die gängigen Stereotypen vom 'privilegierten Juden' und der 'jüdischen Kontrolle der Presse anführte'."

Dieses Bild habe Haider auch in der Auseinandersetzung mit dem Innsbrucker Politikwissenschafer Anton Pelinka verwendet. Pelinka wurde von Haider wegen übler Nachrede geklagt, weil dieser Haiders Aussagen zum Nationalsozialismus kritisierte. Als diese Klage im Bericht der drei EU-Weisen negativ bewertet wurde, habe Haider folgendermaßen reagiert: Pelinka habe seine "internationalen Freunde bis hinauf zur 'New York Times' mobilisiert, um die FPÖ zu diffamieren. Er hat die FPÖ nur im Ausland verleumdet, in Österreich hätte er so etwas nie geäußert. Das ist eine hinterhältige Vorgangsweise".

"Jeder in Österreich kann die Nationalität von 'Pelinkas internationalen Freunden', die in der 'New York Times' schreiben, identifizieren", so Peri dazu. Und weiter: "Es ist typisch für Haiders Antisemitismus, dass er den Terminus 'Jude' nicht explizit erwähnt." "International" suggeriere "internationales Judentum" und ersetze den alten Ausdruck "Kosmopoliten" - früher ein beliebtes Schimpfwort für Juden, um das Klischee von der vagabundierenden Natur und den fehlenden Wurzeln zu bedienen - im Gegensatz zu der tiefen Verbundenheit der Deutschen zu ihrem Vaterland.

In der Diskussion mit Robert Jungk habe Haider den Politiker zudem als eine "angepasste Persönlichkeit", die es sich immer gerichtet habe, bezeichnet. Wörtlich sagte Haider: "Eine Fahne im Wind sollte nicht an der Spitze des Staates stehen, wo man manchmal auch wetterfest sein muss." Das Motiv des Windes verwende Haider übrigens gern. Bei seinem Auftritt vor SS-Veteranen in Krumpendorf habe er ihre Standfestigkeit gelobt- "auch bei größtem Gegenwind". "Die klar antisemitische Identifikation der Deutschen mit Stabilität und Loyalität und der Juden mit Instabilität und Zersetzung, blieb unbemerkt", so Peri.

Gern bediene Haider auch das Bild vom "guten Juden", jene Rolle, die einst im Mittelalter konvertierte Juden spielten. Als Experte in jüdischen Angelegenheiten konnte der "gute Jude" die üblichen antisemitischen Ideen vom Standpunkt einer "objektiven Sichtweise" bestätigen. Weil: Eine Jude könne ja nicht antisemitisch sein.

Als Beispiel zieht Peri hier Haiders spezielle Beziehung zu Bruno Kreisky heran. Als Haider in einem Interview auf seine rechtslastigen Aussagen angesprochen worden sei, habe er geantwortet: "Was Jörg Haider tut, ist kein Unterschied zu dem, was Bruno Kreisky zwischen 1996 und 1970 tat. Er war auch erfolgreich, als er Simon Wiesenthal als 'Mafia' oder als Agenten eines privaten Femegericht bezeichnete." Peris Fazit: "Wenn Haider wie der Jude Kreisky agiert, dann kann er nicht beschuldigt werden, Nazi-Ideen zu haben."

10.3.2002 08:04