Fußball: Tore, Sex und das große Geld in der Türkei
Der Mann in Schwarz hatte viel übrig fürs schwache Geschlecht. "Er war den Frauen verfallen", sagten Istanbuler Prostituierte jetzt im Polizeiverhör über Sadik Ilhan, einen Schiedsrichter der ersten türkischen Fußball-Liga. Die Damen müssen es wissen, denn sie trafen sich öfter beruflich mit Ilhan und einigen seiner Schiedsrichter-Kollegen in Hotels der türkischen Metropole. Die Sex-Parties, die in der Türkei derzeit Schlagzeilen machen, waren Teil eines groß angelegten Bestechungsskandals, bei dem es um Tore, Frauen und das große Geld geht. Selbst der türkische Staat soll verwickelt sein.
Dass kriminelle Geschäftemacher in fast allen Wirtschaftszweigen ihres Landes aktiv sind, wussten die Türken schon längst. Aber dass der Nationalsport Fußball ebenfalls unterwandert ist, hat viele schockiert. Das Staatssicherheitsgericht in Istanbul geht dem Verdacht nach, dass eine Bande unter dem Kommando des notorischen Gangsters Ali Fevzi Bir mit Hilfe korrupter Schiedsrichter und Vereinsfunktionäre Spiele in den türkischen Ligen manipulierten, um so in Wettbüros im In- und Ausland absahnen zu können. Bezahlt wurden Schiedrichter Ilhan und seine Kollegen demnach mit Bargeld und den Diensten der Prostituierten.
Die Zeitung "Milliyet", die den Skandal ans Tageslicht gebracht hat, druckte seitenweise Mitschnitte von Telefonaten Birs ab, der sich in Italien aufhält. In einem Gespräch, bei dem es um ein bevorstehendes Erstliga-Spiel ging, sagte Bir seinem Gesprächspartner, er solle sich keine Sorgen um das Ergebnis machen: Schließlich heiße der Schiedsrichter Sadik Ilhan. "Milliyet" nannte insgesamt 16 Personen, die an den Schiebereien beteiligt gewesen sein sollen. Darunter waren neben Ilhan noch vier andere Schiedsrichter und auch ein Funktionär des türkischen Fußballverbandes.
Der Skandal zieht immer weitere Kreise und droht inzwischen sogar das Saubermann-Image des innenpolitisch mächtigen türkischen Militärs anzukratzen. Der Generalstab zog drei dem zivilen Spielbetrieb zur Verfügung gestellte Militär-Schiedsrichter zurück, weil auch sie im Zusammenhang mit dem Skandal genannt wurden. Schiedsrichter Ilhan, ebenfalls von den Militärs entsandt, entging diesem Schicksal, weil er inzwischen die Pensionierung beantragt hat.
Für Ilhan dürfte der Fall damit aber wohl kaum ausgestanden sein. Besonders seine Rolle als rechte Hand des mutmaßlichen Bandenchefs Bir ist für die Ermittler interessant. Bir, genannt "Alico", ist kein Unbekannter in der türkischen Mafia-Szene. Sein Name tauchte unter anderem beim so genannten Susurluk-Skandal auf, bei dem es um die illegale Zusammenarbeit staatlicher Sicherheitsbehörden mit Mafia-Bossen und rechtsextremen Killern ging. Umgerechnet rund 7,5 Millionen Euro (103,2 Mill. S) soll Bir mit seinen illegalen Wettgeschäften verdient haben.
"Alico" weist dies aber zurück und will sich auch sonst keiner Schuld bewusst sein. Von der Sportzeitung "Fanatik" in Mailand aufgetrieben, sagte der mutmaßliche Bandenchef, die ihm zur Last gelegten Aktivitäten seien im türkischen Fußball nichts Ungewöhnliches. Selbst die Vorsitzenden der Istanbuler Spitzenclubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas sowie die Führung des Fußballverbandes hätten Einfluss auf die Schiedsrichter ausgeübt, sagte Bir. "Wenn das, was ich getan habe, illegal ist, dann müssten alle türkischen Fußball-Ligen dicht machen."
Die türkischen Behörden hatten laut Bir bisher alle Ermittlungen gegen mutmaßlich korrupte Schiedsrichter auf Eis gelegt, um vor der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer das Ansehen des türkischen Fußballs nicht zu beschmutzen. Dass der türkische Staat bisweilen eingreift, um den Spielen in den Stadien des Landes einen bestimmten Drall zu geben, wird schon seit längerem vermutet. So soll der Verein Diyarbakirspor aus der Millionenstadt Diyarbakir im türkischen Kurdengebiet auf Geheiß der Behörden in die erste Liga gehievt worden sein, um den kurdischen Nationalismus in unpolitische Bahnen zu lenken.
Die türkischen Fußballfans sind jedenfalls gründlich desillusioniert. Viele haben das Gefühl, dass der Kampf um Tore und Punkte ein abgekartetes Spiel ist. Eine Umfrage der türkischen Sport-Website "Ajansspor" erbrachte ein glasklares Ergebnis: Fast 90 Prozent der Teilnehmer sind der Meinung, dass auf dem Rasen manipuliert wird.
