Freitag, 1. März 2002

Israel besetzt Ramallah fast vollständig

  • Studio des ORF in der Stadt beschossen
  • Zwei ultrarechte Minister reichen Rücktritt ein

Bei der größten Militäraktion seit dem Libanonkrieg 1982 hat die israelische Armee große Teile der palästinensischen Verwaltungsstadt Ramallah im Westjordanland besetzt. Während der seit Tagen andauernden Großoffensive in den Palästinensergebieten wurden allein am Dienstag mindestens 32 Palästinenser getötet. Zwei ultra-rechte Minister reichten derweil ihren Rücktritt ein (siehe entsprechende Sub-Story rechts).

Die meisten Toten gab es im Flüchtlingslager Jebalya im Gazastreifen, wo Soldaten in der Nacht ein Blutbad angerichtet hatten. Bei einem Angriff zunächst unbekannter Extremisten auf einen israelischen Bus kamen nahe der libanesischen Grenze mindestens sieben Israelis und zwei Angreifer ums Leben.

Bei der Besetzung der palästinensischen Stadt Ramallah im Westjordanland wurden in den Morgenstunden mindestens sechs Palästinenser getötet. Nach Angaben des palästinensischen Menschenrechtlers Mustafa Barguti war die Armee kurz vor Mitternacht mit starken Panzerverbänden und Kampfeinheiten aus fünf Richtungen in die Stadt eingedrungen, die sie seither fast vollständig besetzt halten. Die Panzer rückten bis auf wenige Meter an den Amtssitz von Palästinenserpräsident Yasser Arafat heran, dessen Hausarrest von Israel erst am Dienstag aufgehoben worden war. Soldaten zogen von Haus zu Haus und suchten nach Waffen und mutmaßlichen Terroristen.

Studio des ORF in Ramallah beschossen
In Ramallah ist auch ein Studio des ORF unter Beschuss geraten. Dies sagte ORF-Korrespondent Franz Normann am Dienstagmittag in einem Live-Bericht in der "Zeit im Bild". Er könne sich nicht vor der Kamera zeigen, da das Gebäude beschossen werde. Zuvor waren Panzer aufgezogen, weil offenbar ein palästinensischer Heckenschütze die israelischen Truppen unter Beschuss genommen habe. Im Bericht war der Einschlag eines Geschosses in einer Fensterscheibe zu sehen. Normann sagte, im Raum lägen Geschosse herum. Aus Sicherheitsgründen müsse er seinen Bericht abbrechen.

Panzer standen auch im Zentrum von El Bireh, der Schwesterstadt Ramallahs. Über die meisten Stadtteile wurde eine Ausgangssperre verhängt. Wer gegen den Befehl verstoße, werde erschossen, wurde die Bevölkerung nach Angaben Bargutis gewarnt.

Im Flüchtlingslager al Amaris in Ramallah forderten Soldaten alle Männer zwischen 16 und 45 Jahren auf, sich auf Plätzen zu versammeln, wo sie vernommen werden sollten. Die palästinensische Autonomiebehörde rief die Männer zunächst auf, Widerstand zu leisten. Nach Augenzeugenberichten ist auch die christliche Stadt Beit Djalla südlich von Jerusalem praktisch besetzt. Die meisten Ortsteile stehen unter Ausgangssperre, sagten Bewohner.

Blutbad in Flüchtlingslager Jebalya
Beim Versuch der israelischen Armee, in das Flüchtlingslager Jebalya im Gazastreifen einzurücken, waren in der Nacht zum Dienstag mindestens 18 Palästinenser getötet worden. Nach Angaben palästinensischer Ärzte wurden in zwei Krankenhäusern mindestens 75 Menschen verletzt. Die meisten Opfer seien Angehörige palästinensischer Sicherheitsdienste. Vier Palästinenser wurden getötet, nachdem sie Granaten auf die jüdische Siedlung Netsarim im Gazastreifen abgefeuert hatten.

Nach Angaben der israelischen Armee wollte sie bei der Operation vor allem palästinensische Extremisten festnehmen und Waffen und Bomben aufspüren, die gegen Israelis eingesetzt werden könnten. Es seien mehrere von den palästinensischen Sicherheitsorganen genutzte Gebäude in Jebalya zerstört worden.

Neun Tote bei Anschlag an libanesischer Grenze
Bei einem Anschlag an der israelischen Nordgrenze wurden am Dienstag mindestens neun Menschen getötet. Nach israelischen Berichten eröffnete eine Gruppe Unbekannter aus einer Bananenplantage heraus das Feuer auf israelische Fahrzeuge auf einer Hauptstraße nahe Mazuba im westlichen Galiläa.

1.3.2002 21:50