Freitag, 8. Februar 2002

Premiere-Zukunft offen

Die Spekulationen über eine Aufteilung der angeschlagenen KirchGruppe in einem gemeinsamen Vorgehen von Banken, Medienbranche und Politik werden immer konkreter. Rupert Murdochs Satellitenfirma BSkyB erklärte am Freitag in London, man werde die ab Oktober mögliche Verkaufsoption wahrnehmen und Anteile an Premiere World für etwa 2,6 Mrd. Euro (35,8 Mrd. S) an Kirch zurückgeben.

Da Kirch die Summe nach derzeitigem Stand keinesfalls aufbringen kann, erhöhte sich der Druck auf Medienbranche und Banken, eine umfassende Neuordnung in die Wege zu leiten weiter. Dabei könnte es auch beim Springer-Verlag und bei ProSiebenSAT.1 in den kommenden Wochen zu Wechseln im Gesellschafterkreis kommen.

Die Bundesregierung dementierte am Freitag neue Berichte, wonach sich Bundeskanzler Gerhard Schröder bei Geheimgesprächen mit Banken für eine nationale Lösung eingesetzt habe. "Die Bundesregierung ist kein Akteur und der Bundeskanzler auch nicht", sagte Regierungssprecher Uwe-Carsten Heye vor der Bundespressekonferenz.

Der "Spiegel" berichtete in einer Vorabmeldung, Schröder, Deutsche Bank-Vorstandssprecher Rolf Breuer, Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und WAZ-Miteigentümer Erich Schumann hätten sich bei einem geheimen Treffen in Hannover auf eine nationale Lösung verständigt, um einen stärkeren Einfluss Murdochs auf dem deutschen Markt zu verhindern. Bei der KirchGruppe war am Freitag zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Leo Kirch bald nur noch Minderheitengesellschafter?
Dem "Spiegel"-Bericht zufolge soll Leo Kirch im Rahmen einer nationalen Lösung nur noch in der Rolle eines Minderheitsgesellschafters aktiv bleiben. Die Fernsehfamilie um ProSiebenSAT.1 werde aus kartellrechtlichen Gründen möglicherweise an verschiedene Anbieter verkauft, heißt es in dem Bericht. Der ProSiebenSAT.1-Aktienkurs legte daraufhin um zeitweise 19 Prozent auf 6,65 Euro zu. Die Banken sollten dem Plan zufolge auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Falls die 40-prozentige Springer-Beteiligung Kirchs zum Verkauf stehe, wolle die WAZ-Gruppe einsteigen, hieß es in dem "Spiegel"- Bericht. Allerdings wurde in Branchenkreisen darauf hingewiesen, dass die Springer-Anteile nur mit Zustimmung der Gesellschaft übertragen werden könne, weil es sich um vinkulierte Aktien handle. Die WAZ-Gruppe sei bei Springer nicht besonders willkommen. Die Verlegerwitwe Friede Springer, die gut 50 Prozent hält, sagte dem "Spiegel": "Die Mehrheit am Axel-Springer-Verlag steht heute und auch in Zukunft unter keinen Umständen zur Verfügung. Und wenn es je Veränderungen gäbe, würde ich eher noch ein paar Prozente dazukaufen".

Unklar ist die Zukunft von Premiere. Auch wenn Murdoch den Ausstieg ankündigte, könnte dies nur eine Drohgebärde sein, um die Kontrolle beim Bezahlsender übernehmen zu können. Derzeit hält BSkyB an der KirchPayTV 22,03 Prozent. Am Freitag teilte das Unternehmen mit, 985 Mill. Pfund (1,6 Mrd. Euro/22 Mrd. S) auf den Wert der Beteiligung abgeschrieben zu haben.

In Bankenkreisen gilt eine baldige Entscheidung über die Zukunft der KirchGruppe als wahrscheinlich. Springer fordert rund 770 Mill. Euro von Kirch für ein ProSiebenSAT.1-Paket. Schon dieses Geld kann Kirch wohl nicht auftreiben. Im April läuft zudem ein Kredit der Dresdner Bank aus, der Ende 2001 kurzfristig verlängert wurde.

8.2.2002 15:36