Montag, 4. Februar 2002

Enron-Fall reicht bis ins Weiße Haus

Die Verbindlichkeiten der zum desolaten US-Energiehändler Enron gehörenden "Enron Europe" sind offenbar noch größer als bisher angenommen. Sie bewegen sich laut Prüf-Gesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC) in Milliardenhöhe. Der Ex-Chef des bankrotten US-Energiehandelskonzerns Enron, Kenneth Lay, hat seine Aussage vor einem Kongressausschuss in Washington abgesagt. Nun droht ihm eine Strafandrohung.

In einem am Freitag verschickten Brief hat PWC die Gläubiger, hauptsächlich Energiegesellschaften und Banken, vor deren Treffen Mitte Februar über diesen Sachverhalt informiert. Eine genauere Schätzung der Verbindlichkeiten von Enron Europe zu nennen, das wagt Niville Kahn, einer der für PWC tätigen Verwalter, noch gar nicht.

Weltweit größte Firmenpleite überhaupt
In den PWC-Schätzungen noch gar nicht berücksichtigt sind Schulden und Kredite bei 130 anderen Unternehmen innerhalb der Enron-Gruppe, hieß es. Die Energie-Handelsunterlagen von Enron wiesen auf Basis der Marktpreise Gewinne von gerade 100 Millionen US-Dollar aus. Nach den von PWC geschätzten Verbindlichkeiten könnte der Enron-Zusammenbruch die weltweit bisher größte Firmenpleite überhaupt werden.

Ex-Chef Lay verweigert Aussage vor Ausschuss
Sein Anwalt teilte am Sonntagabend in einem Brief mit, dass Lay nicht zu der am Montag angesetzten Anhörung erscheinen werde. In Washington wurde erwartet, dass der Ausschuss Lay nun unter Strafandrohung zu einer Aussage vorladen wird.

Der Anwalt des Managers begründete den Aussage-Boykott damit, dass einige Kongressmitglieder eine vorgefasste Meinung hätten. Deren "aufrührerische Aussagen" hätten deutlich gemacht, dass die Anhörung den "Tenor einer Anklage haben werde". Mehrere Kongressmitglieder hatten am Sonntag in Fernsehinterviews eine Anklage gegen einige Enron-Manager wegen der größten Firmenpleite in der US-Geschichte befürwortet. Diese hatten beizeiten Aktienpakete verkauft, während Investoren um ihre Anlagen und Beschäftigte des Konzerns um ihre Altersversorgung gebracht wurden. Der demokratische Senator Byron Dorgan sagte am Sonntag: "Dies ist fast eine Kultur von Unternehmens-Korruption."

Prüfungsbericht: Manipulation und fragwürdige Transaktionen
Kurz vor der Anhörung war ein schwer belastender interner Prüfungsbericht bekannt geworden. Darin hieß es, Enron habe im Jahr vor dem Zusammenbruch den Gewinn manipuliert und dabei undurchsichtige Transaktionen mit einer Gruppe fragwürdiger Partnerschaften verwendet. Der frühere Unternehmenschef Lay und die Enron-Verwaltungsrats-Mitglieder seien nicht voll über das Ausmaß der Beteiligung von Enron-Mitarbeitern informiert worden. Die Partnerschaften seien auch dazu benutzt worden, Schulden zu verstecken.

Der vom Verwaltungsrat in Auftrag gegebene Bericht kritisierte auch die frühere Enron-Rechnungsprüfungsfirma Andersen. Sie hatte die Enron-Bücher gebilligt und gleichzeitig bei Enron lukrative Konsultingarbeiten durchgeführt. Andersen bezeichnete den Bericht als einen Versuch, die Unternehmensführung und den Verwaltungsrat von Kritik zu isolieren und die Schuld anderen anzulasten. Die Firma hat den ehemaligen amerikanischen Notenbankchef Paul Volcker zum Leiter eines neuen unabhängigen Überwachungsgremiums ernannt, das "fundamentale Änderungen" in der Rechnungsprüfungspraxis Andersens vornehmen soll. Volcker ist ein international angesehener Finanzfachmann. Er war von 1979 bis 1987 US-Notenbankchef.

Politisch hochbrisanter Fall
Der Skandal hat eine bedeutende politische Dimension. In der vergangenen Woche wies das US-Justizministerium das Weiße Haus an, keine Akten über Gespräche mit dem Enron-Konzern zu zerstören. Ende Jänner hatte bereits die Aufsichtsbehörde des US-Kongresses (GAO) in einem bisher einmaligen Schritt beschlossen, Vizepräsident Richard Cheney mit einer gerichtlichen Klage zur Herausgabe von Enron-Akten zu zwingen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und in welchem Ausmaß Energieunternehmen, darunter Enron, Einfluss auf die Formulierung des Energieprogramms der Regierung hatten. Sowohl Präsident Bush als auch zahlreiche andere republikanische und demokratische Politiker haben von Enron in der Vergangenheit umfangreiche Wahlkampfspenden erhalten.

4.2.2002 16:47