Sonntag, 10. Februar 2002

ÖGB hält am Ziel der 35-Stunden-Woche fest

ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch (S) pocht auf die Stärkung der Kaufkraft der Menschen, erhöhte Ausgaben für Aus- und Weiterbildung, sowie gezielte Infrastrukturinvestitionen. Nur so könne die Arbeitslosigkeit effizient bekämpft werden.

Die Euro-Einführung habe gezeigt, dass sich die EU-Regierungschefs ein gesetztes Ziel zum Anliegen gemacht hätten. Die Vollbeschäftigung sei ein ebensolches Ziel. "Ich frage mich, warum schaffen wir das Geld, die harte Währung, aber nicht die Politik für Menschen?", so Verzetnitsch.

ÖGB hält am Ziel der 35-Stunden-Woche fest
Am langfristigen Ziel der 35-Stunden-Woche hält Verzetnitsch nach wie vor fest. Diese sei eine Maßnahme zur Verteilung der Arbeit, so der ÖGB-Chef in der ORF-"Pressestunde". Die Bereitschaft, Kollektivverträge dahin gehend zu gestalten, sei seitens Arbeitgeberseite aber relativ niedrig. Für die Chemie sei aber beispielsweise eine 36-Stunden-Woche erreicht worden. Dieser Weg sei fortzusetzen. Ein konkretes Datum könne er nicht nennen, das Thema der 35-Stunden-Woche liege bei jeder Kollektivvertragsrunde auf dem Tisch.

Der Kampf des ÖGB werde sich in Zukunft weiterhin dem Ziel der Vollbeschäftigung widmen. Das heiße aber nicht, dass man sich nicht um Beschäftigte in anderen Arbeitsverhältnissen kümmere. Der ÖGB habe sich etwa dafür eingesetzt, dass auch geringfügig Beschäftigte in die Sozialversicherung einbezogen würden. Der ÖGB wehre sich, dass die Abfertigung in eine Pensionskasse umgewandelt werde oder trete für einen Auszahlungsanspruch bei der Abfertigung ab dem ersten Tag ein.

Wenn es darum gehe, die künftige Arbeitswelt zu gestalten, könne das nicht heißen, dass es zu flexiblen Arbeitszeitmodellen nur zu Gunsten der Arbeitgeber komme. Die Arbeitszeit sei dagegen so einzurichten, dass sie dem Arbeitnehmer Vollzeitbeschäftigung bringe. Hier falle auch die von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) erneut ins Spiel gebrachte Ausdehnung der Tagesarbeitszeit hinein. Es könne nicht so sein, dass man Menschen zwölf Stunden verfügbar machen möchte, weil man sich dadurch Überstundenzuschläge erspart. Ziel sei es, neue Arbeitsplätze zu schaffen und nicht bestehende zu verdichten.

Einkommensgefälle Mann-Frau liegt an unterschiedlicher Bewertung der Arbeit
Hinsichtlich der Einkommensschere zwischen Mann und Frau hielt Verzetnitsch fest, es gebe bereits seit geraumer Zeit keine unterschiedliche Bezahlung mehr bei gleicher Tätigkeit. Die Schwierigkeit liege bei der unterschiedlichen Bewertung der Arbeit. Tätigkeiten im Gesundheitsbereich, im Handel oder Dienstleistungen seien schlechter bezahlt. Daher müsse eine Neubewertung der Arbeit und damit auch der Einkommen vorgenommen werden. Ein weiteres Problem stelle sich durch Unterbrechungen, mit denen Frauen durch Kindererziehung oder Pflegezeiten konfrontiert seien. Die im Beruf verbleibenden Männer, aber auch Frauen, würden in dieser Zeit in ihrer Einkommensentwicklung weiter fortschreiten.

10.2.2002 13:03