Mittwoch, 30. Jänner 2002

Weltwirtschaftsgipfel tagt beim "Ground Zero"

4.000 Polizisten, 3.000 Politiker und Topunternehmer aus aller Welt, und Angst vor blutigen Krawallen! Vier Monate nach dem Terror vom 11. September findet ab heute in New York das erste Weltwirtschaftsforum statt (WEF). Unter den Promi-Gästen: Ex-US-Präsident Bill Clinton und Hamid Karsai, Chef der afghanischen Übergangsregierung. Beim "Gegenforum", dem Weltsozialforum in Porto Alegre, wurde dem belgischen Ministerpräsidenten Guy Verhofstadt die Teilnahme verweigert.

Die New Yorker Polizei wird in zwölfstündigen Schichten die Beratungen von Wirtschaftsführern und Politikern aus aller Welt schützen, zu denen dieses Jahr mehr als 100 Nicht-Regierungsorganisationen eingeladen wurden. Globalisierungsgegner - mehr als 100 Gruppen riefen zum Protest gegen "die Vernetzung der reichen Eliten auf Kosten der Armen" auf - versichern, dass sie friedlich demonstrieren wollen. Im letzten Jahr war es rund um den Gipfel in Davos zu Krawallen gekommen.

4.000 Polizisten bewachen den Tagungsort
Die Polizei will das Hotel Waldorf Astoria, in dem die meisten Treffen und Seminare bis Montag stattfinden werden, rund um die Uhr mit 4.000 Beamten bewachen. In einem Baseball-Stadium wurden Polizeitaktik zur Kontrolle großer Menschenmengen geübt. Polizeichef Raymond Kelly schickte Mitarbeiter nach Seattle, Genua und Quebec, um mit dortigen Einsatzleitern über deren Erfahrungen mit gewalttätigen Globalisierungsgegnern zu sprechen. Einigen Gruppen wurde in bestimmten Abschnitten erlaubt, Kundgebungen abzuhalten. Außerdem sollen alle Rechtsverstöße unnachgiebig bestraft werden. Vor allem ein Vermummungsverbot aus dem Jahre 1845 solle konsequent durchgesetzt werden.

Für Demonstranten absolut verboten: Gesichter vermummen!
Radikale Anarchisten hatten bei vergangenen gewalttätigen Protesten oft schwarze Masken getragen oder ihr Gesicht mit Tüchern verhüllt. Aus ihren Reihen wurden Fensterscheiben eingeworfen und Graffiti gesprüht. Ein Mitglied der anarchistischen Gruppe Anti-Capitalist Convergence, David Graeber, sagt, es seien keine gewalttätigen Aktionen geplant. Allerdings betrachten viele Anarchisten Sachbeschädigung und Vandalismus nicht als Gewalt, solange niemand verletzt wird. Es werde Akte des "zivilen Ungehorsams" geben, kündigt der Anthropologie-Professor der Yale-Universität an. "Wir werden niemandem den Kopf einschlagen. Es liegt an der Polizei, ob es zu Gewalt kommen wird. Wenn sie uns angreifen, sind sie diejenigen, die gewalttätig sind."

Warum demonstriert wird
Die größten Protestkundgebungen sind am Samstag in der Park Avenue in der Nähe des Waldorf geplant. "Wir sind nicht gegen Globalisierung", erklärt Brian Becker von der internationalen Organisation ANSWER. "Wir sind gegen den Effekt der Firmen-Globalisierung, die auf Kosten vieler einige wenige bereichert."

Warum die Wirtschaftsbosse gegen Demonstrationen sind
McLean kritisiert, dass die Ideen der Globalisierungsgegner im Grunde gegen Geschäfte seien. "Die Realität in unseren Treffen ist eine erstaunliche gemeinsame Anstrengung wichtiger Teile der Gesellschaft, eine bessere Welt zu schaffen", sagt er. "Aber sie wollen das nicht glauben."

Buntes Rahmenprogramm während des Gipfels
Samba-Tänzer, bis zu fünf Meter hohe Puppen sollen für eine Art Straßenkarneval sorgen und Ausschreitungen wie in Genua und Quebec verhindern, sagt ein Sprecher der Dachorganisation Another World Is Possible (Eine andere Welt ist möglich), Eric Laursen. "Wir versuchen, sehr visuell und bunt zu sein und Veranstaltungen zu unterstützen, die in keiner Weise gewalttätig sind", sagt er. "Wir respektieren, was New York durchgemacht hat", sagt er zu den Anschlägen vom 11. September. "Auch wir leben hier." Er und andere Organisatoren räumen aber ein, dass man keine Kontrolle über Randgruppen und Einzelpersonen habe, die auf Zusammenstöße aus sein könnten.

Weltsozialforum: Verhofstadt Teilnahme verweigert
Die Veranstalter des am Donnerstag beginnenden Zweiten Weltsozialforums im brasilianischen Porto Alegre haben dem belgischen Ministerpräsidenten Guy Verhofstadt die Teilnahme an der sechstägigen Konferenz verweigert. Wie einer der Organisatoren am Mittwoch mitteilte, wurde Verhofstadts Angebot, Vorträge zu halten, mit der Begründung abgelehnt, dass er ein Anhänger der neoliberalen Wirtschaftsordnung sei, dessen Bekämpfung sich das Weltsozialforum zum Ziel gesetzt habe. Auch Unterstützer der baskischen und kolumbianischen Untergrundoraganisationen ETA und FARC wurden dem Sprecher zufolge abgelehnt.

30.1.2002 15:19