Dienstag, 29. Jänner 2002

Erste Nacht im Zelt in Kabul

Das österreichische Kontingent der Afghanistan-Friedenstruppen nimmt nach der gestrigen Ankunft in Kabul heute die Arbeit auf. Über Nacht haben die Bundesheersoldaten ihr Zeltlager aufgebaut. Heute beginnen erste Erkundungen im Überwachungsgebiet des österreichischen Kontingents.

Der eigentliche Patrouilleneinsatz soll aber erst nach Abschluss aller Vorbereitungen und einer Sicherheitseinschulung aller Soldaten beginnen, so der Kommandant der Truppe, Oberstleunant Horak.

Auch in Kabul war in den vergangenen zwei Tagen Schnee gefallen. Da kein Instrumentenanflug auf den Flughafen von Kabul möglich ist, habe man bessere Wetterbedingungen abwarten müssen. Am Sonntag kam auch ein Trupp kanadischer Soldaten in Afghanistan an, die das US-Militär unterstützen sollen.

Die Österreicher waren Freitag Nachmittag gemeinsam mit 40 Soldaten der deutschen Bundeswehr vom Militärflughafen Köln-Wahn nach Afghanistan abgeflogen. Österreich stellt für die internationale Friedenstruppe in der ersten Phase 60 Mann zur Verfügung. Ein Vorkommando des österreichischen Bundesheeres befindet sich bereits seit Mitte Jänner im Raum Kabul.

FORMAT: Unangenehme Überraschung wartet
Auf die 50 österreichischen Soldaten, die damit heute ihren Dienst bei der ISAF-Truppe (International Security Assistance Force) in Kabul antreten, wartet eine unangenehme Überraschung: Es ist unklar, was sie mit mutmaßlichen Freischärlern der Taliban oder versprengten El-Kaida-Kämpfern tun sollen, berichtet das am Montag erscheinende Nachrichtenmagazin FORMAT.

Nach wie vor gibt es keine Garantie, daß die afghanischen Lokalbehörden von Österreichern gefangene El-Kaida-Guerillas nicht an die Amerikaner übergeben. Damit drohen die Bundesheersoldaten allerdings mit der Genfer Kriegsgefangenenkonvention und der Europäischen Menschenrechtskonvention in Konflikt zu geraten.

"Leute aufzugreifen ist nicht die Aufgabe der Truppe", erklärt Botschafter Hans Winkler, Völkerrechtsexperte im Außenministerium gegenüber FORMAT. Es sei davon auszugehen, daß die Österreicher im Zuge ihrer Schutzaufgabe keine Festnahmen durchführen müssten. "Und falls doch, übergibt die Truppe die gefährlichen Personen den lokalen Behörden."

Derzeit ist unklar, wie die afghanische Übergangsregierung zukünftig die Auslieferungen handhaben wird. Zudem sieht die betreffende UNO-Resolution vor, daß Gefangene nur dann an lokale Behörden übergeben werden können, wenn diese funktionieren. Ist dies nicht der Fall, kommen die US-Streitkräfte zum Zug.

UNO-Truppe soll auf über 30.000 anwachsen
Auch Kommandanten der UNO-Friedenstruppe für Afghanistan (ISAF) haben sich nun für eine starke Vergrößerung des Truppenkontingents ausgesprochen. "Um die fünf größten Städte und die Straßen zu sichern, brauchen wir noch weit mehr als 30.000 Soldaten", sagte der französische Oberstleutnant Philippe Bouillaud am Sonntag in Kabul. Über die Nachfolge der Briten als Führungsnation der ISAF konnte am Wochenende noch keine Einigung erzielt werden, wie der Sprecher des deutschen Verteidigungsministers Rudolf Scharping (SPD) am Rande der Sicherheitskonferenz in München mitteilte.

Der stellvertretende UNO-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Francesc Vendrell, hatte bereits vor einem Monat von 30.000 Soldaten gesprochen, die Afghanistan brauche. Zum Vergleich wurde in Militär- und Diplomatenkreisen in Kabul die 60.000 Mann starke UNO-Friedenstruppe in Bosnien genannt, das nur ein Viertel so groß ist wie Afghanistan. ISAF-Sprecher Neal Peckham sagte, es sei jedoch extrem schwierig, das Truppenkontingent zu vergrößern, da die Versorgung über eine Luftbrücke bereits jetzt sehr kompliziert sei. Auch der afghanische Interims-Premier Hamid Karsai hatte vergangene Woche in den USA für eine Aufstockung der Truppen in Afghanistan geworben. ISAF-Kommandanten zufolge sind nicht viele Länder bereit, ihr Truppenkontingent zu erhöhen. Derzeit befinden sich 2.500 der vorgesehenen 4.500 ISAF-Soldaten in Kabul.

29.1.2002 18:03