Sonntag, 27. Jänner 2002

Karsai wünscht größere Friedenstruppe

Der afghanische Ministerpräsident Hamid Karsai hat den Wunsch nach einer Ausweitung der UNO-Friedenstruppe bekräftigt. Bis eine nationale Armee einsatzbereit sei, brauche das afghanische Volk eine Sicherheit dafür, "dass Afghanistan nicht ins Chaos zurückfällt", sagte Karsai am Montag in Washington. Zuvor hatte US-Präsident George W. Bush erneut eine Beteiligung der USA an der internationalen Friedenstruppe abgelehnt.

Die USA würden aber bereitstehen zu helfen, sollte die Friedenstruppe in Schwierigkeiten geraten, versicherte Bush. UNO-Generalsekretär Kofi Annan erklärte während seines Besuches in Wien, Afghanistan brauche "rasch Geldmittel", um die Übergangsregierung zu stärken und die innere Sicherheit zu gewährleisten.

Bush sagte der Interimsregierung in Kabul einen Kredit über 50 Millionen Dollar (58,3 Millionen Euro) zu, mit dem private Projekte zum Wiederaufbau des Landes finanziert werden sollen. Karsai war am Montag als erster Regierungschef seines Landes seit 39 Jahren in Washington empfangen worden. Er dankte den USA für deren entscheidenden Beitrag zum Sturz der Taliban. Afghanistan wolle ein guter Partner der internationalen Gemeinschaft werden, schließlich auf eigenen Beinen stehen und nie wieder eine Rückkehr von Terroristen zulassen.

Zugleich versprach der Chef der afghanischen Interimsregierung, er werde den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden ebenso wie den gestürzten Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar an die USA ausliefern, falls sie gefasst würden. Seine Landsleute, die in den USA leben, rief Karsai zur Rückkehr in ihre Heimat auf. Fast die gesamte afghanische Mittelschicht habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten das Land verlassen.

Afghanistan erwägt die Einführung des US-Dollars als Währung, um den Geldmarkt zu stabilisieren und die derzeit im Umlauf befindlichen sieben Sorten der Nationalwährung Afghani zu ersetzen, wie Zentralbankgouverneur Abdul Fitrat am Dienstag erklärte. Auch ein Vertreter des Internationalen Währungsfonds, der mit einer Delegation Afghanistan besucht, sprach sich für den Dollar aus.

Bei einer feierlichen Zeremonie wurde am Dienstag in Kabul zum ersten Mal die neue Nationalflagge von Afghanistan gehisst. Die Interimsregierung hatte die alte Königsflagge von 1964 am Montag wieder eingeführt. Ex-Präsident Barhanuddin Rabbani hatte sie Anfang der 90er Jahre abgeschafft. Die königlichen Nationalfarben Schwarz-Rot-Grün sind auf der neuen Fahne ergänzt durch den Satz: "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet."

Was den juristischen Status der Taliban- bzw- Al Kaida betrifft, die die USA auf Guantanamo interniert haben, will US-Präsident Bush die Entscheidung über ihren Status nach eigenen Worten "bald" treffen. Die US-Regierung hatte sich zuvor bereits darauf festgelegt, den afghanischen Häftlingen auf der US-Militärbasis in Kuba nicht den Status von Kriegsgefangenen zuzuerkennen, weil es sich um "unrechtmäßige Kämpfer" handle. Die Juristen im US-Außenministerium kamen nach Angaben eines Mitarbeiters zu dem Schluss, dass die Genfer Konventionen auf die mutmaßlichen Taliban und El Kaida-Kämpfer anzuwenden seien.

Das britische Außenamt teilte währenddessen mit, dass die US-Streitkräfte in Afghanistan einen vierten Briten gefangen halten. Der Mann sei in der südafghanischen Stadt Kandahar inhaftiert. Der französischen Regierung hat der US-Geheimdienst CIA nach Informationen der Pariser Tageszeitung "Aujourd'hui" eine Liste von sechs gefangenen Franzosen im US-Lager Guantanamo auf Kuba übergeben.

Unter den 158 auf Guantanamo gefangenen mutmaßlichen El-Kaida-Kämpfern befinden sich nach Angaben des saudischen Innenministeriums etwa 100 Saudis. Das berichtete am Dienstag die Tageszeitung "Arab News" unter Berufung auf Angaben des saudischen Innenministers Prinz Naif Ibn Abdelasis. "Wir werden fordern, dass die saudischen Häftlinge uns übergeben werden, weil sie den Regeln des Königreichs unterliegen", fügt der Minister hinzu.

Im Osten Afghanistans sind unterdessen am Montag 16 US-Soldaten verletzt worden, als ihr Hubschrauber während eines Kampfeinsatzes bei der Landung verunglückte. Wie die US-Streitkräfte am Dienstag mitteilten, hatte der Pilot offenbar mehrere Löcher im Boden des Landeplatzes übersehen.

27.1.2002 16:59