Dienstag, 22. Jänner 2002

Regierungschef Karsai zu Gesprächen in China

China zeigt sich äußerst hilfsbereit: Peking will dem Nachbarland Afghanistan bei der Beseitigung von Minen und Infrastrukturprojekten helfen. Auf der Geberkonferenz hatte China ein Million Dollar zugesagt. Auf der Geber-Konferenz hatte Karzai insgesamt Hilfzusagen von über 4,5 Milliarden Dollar (rund fünf Milliarden Euro) erhalten. Davon sollen 1,8 Milliarden Dollar noch in diesem Jahr bereitgestellt werden.

Vor Gesprächen des Chefs der afghanischen Übergangsregierung Hamid Karzai mit der chinesischen Führung in Peking erklärte der chinesischer Delegierte bei der Geber-Konferenz in Tokio, Wang Xuexian, in der Zeitung "China Daily" (Mittwochausgabe), China wolle sich an einigen großen Infrastrukturprojekten beteiligen.

Nach Angaben des chinesischen Außenministeriums soll bei den Gesprächen am Mittwoch mit Karzai die weitere Entwicklung des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes erörtert werden.

Karsai hofft auf "volle Hände"
Er hoffe, "mit vollen Händen" in sein Land zurückkehren zu können, hatte der Chef der afghanischen Übergangsregierung, Hamid Karsai, vor der Geberkonferenz in Tokio gesagt. Wenig ist es nicht, mit dem Karsai in seine geschundene Heimat zurückkehrt. Doch: Reicht das schon?

Mit mehr als 4,5 Milliarden Dollar will die internationale Gemeinschaft dem von Krieg zerfressenen Land am Hindukusch in den nächsten Jahren helfen. Zwar liegt die Summe deutlich unter dem von UNO-Generalsekretär Kofi Annan gesetzten Konferenzziel in Höhe von zehn Milliarden Dollar über fünf Jahre. Dennoch zeigten sich die Delegierten über das Ergebnis mehr als zufrieden. Es sei ein sehr guter Start für den Wiederaufbauprozess.

"Die Welt kann sich keine vergessenen Regionen mehr leisten"
Und auch Vertreter der afghanischen Übergangsregierung nannten die Hilfszusagen "großzügig". Zudem hätten einige Länder mit nur einjährigen Zusagen erklärt, sie wollten in den nächsten Jahren ähnliche oder gar höhere Hilfen geben. Mindestens ebenso wichtig aber wie die zugesagten Milliardenhilfe ist das Versprechen der internationalen Gemeinschaft, dem Land auf lange Sicht beizustehen. Man wolle Afghanistan nie mehr im Stich lassen. "Die Welt kann sich keine vergessenen Regionen mehr leisten", meinte die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Die Tokioter Konferenz legte den Schwerpunkt denn auch auf die langfristige Hilfe für den Wiederaufbau und die Entwicklung des Landes. Bisher hat allerdings keiner der großen Geber - die EU, USA, Japan und Saudiarabien - Zusagen über mehr als drei Jahre gemacht. Darüber hinaus war auch zum Ende der Tagung noch nicht ganz klar, wie sich die Summe von 4,5 Milliarden Dollar im einzelnen eigentlich zusammensetzt. Offenbar, so verlautete aus Konferenzkreisen, handle es sich gar nicht immer um direkte Geldzuwendungen, sondern teils um mit hineingerechnete Flüchtlingshilfen oder Exportfinanzierungen.

Afghanistan - ein unglaubliches Armenhaus
Unter manchen Hilfsorganisationen wird befürchtet, das Engagement der internationalen Gemeinschaft könnte wieder schwinden, wenn Afghanistan nicht mehr im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit steht. Der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern. Das lang vergessene Land liegt am Boden. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 46 Jahren. 25 Prozent der Kinder sterben, bevor sie vier Jahre alt werden. Nur 19 Prozent der Bevölkerung in den Städten hat Zugang zu sauberem Wasser; auf dem Land sind es noch viel weniger. Nach Weltbank-Schätzungen gehen nur 39 Prozent der Buben und gar nur drei Prozent der Mädchen zur Schule.

Eine der nächsten großen Herausforderungen besteht nun darin, sicherzustellen, dass die zugesagten Hilfen tatsächlich auch da ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Die Sicherheitslage in Afghanistan ist weiter prekär. Bewaffnete Anhänger verschiedener Fraktionen der Übergangsregierung lieferten sich gerade wieder Gefechte. Und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen beklagt Fälle von Plünderungen, die die Hilfsmaßnahmen behinderten.

Erstmals seit zwei Jahrzehnten gibt es Hoffnung
Vertreter der Übergangsregierung versprachen bei der Geberkonferenz in Tokio, die zugesagten Mittel effizient und verantwortungsvoll einzusetzen. Auch wenn die Umsetzung der Hilfsversprechen langwierig und schwierig wird: Für die leidenden Menschen, die 20 Jahre nichts als Krieg und Zerstörung gesehen haben, bietet sich nun erstmals Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die internationale Gemeinschaft muss nun ihre Glaubwürdigkeit beweisen.

22.1.2002 16:29