Freitag, 18. Jänner 2002

E.ON will Ministererlaubnis beantragen

Das deutsche Bundeskartellamt hat die Übernahme der Ruhrgas AG durch E.ON untersagt. E.ON werde nun bei Bundeswirtschaftsminister Werner Müller eine so genannte Ministererlaubnis beantragen, teilte das Unternehmen am Samstag mit. Das Kartellamt habe den Konzern am Samstag von der Ablehnung unterrichtet. Die Behörde wollte ihre Entscheidung offiziell am Montag bekanntgeben.

Zuletzt hatte es bereits Medienberichte gegeben, wonach die Bundesregierung zu einer Ministererlaubnis entschlossen sei. Ein Sprecher sagte jedoch am Freitag, dass es dazu noch keine Entscheidung gebe.

Das Kartellamt hatte nach E.ON-Angaben mitgeteilt, dass es den Erwerb der Gelsenberg AG, die eine Minderheitsbeteiligung von 25,5 Prozent an Ruhrgas halte, untersage. Daher gehe E.ON davon aus, dass die Behörde auch die im November 2001 angemeldete Übernahme der Bergemann GmbH, die zu einer Mehrheit an Ruhrgas führen würde, nicht freigeben werde.

Die Entscheidungskriterien des Kartellamts griffen zu kurz, erklärte E.ON weiter. Der Entscheidung liege in erster Linie eine regionale Markt- und Wettbewerbsbetrachtung zu Grunde. Die Liberalisierung habe aber bereits zu starkem Wettbewerb im deutschen und europäischen Gasmarkt geführt.

Nach "Handelsblatt"-Informationen will das Bundeskartellamt die Übernahme aus Wettbewerbsgründen verbieten, die Regierung aber mit einer außergewöhnlichen Ministererlaubnis den Weg dann doch freimachen. Die Entscheidung müsste der parteilose Wirtschaftsminister Werner Müller treffen, der mit einer Rückkehr in die Energiebranche nach der Bundestagswahl am 22. September liebäugelt. Das Bonner Kartellamt wollte den Bericht nicht kommentieren.

Kreise: Schröder gab grünes Licht nach Geheimtreffen
Das Blatt berichtete unter Berufung auf Branchenkreise, Bundeskanzler Gerhard Schröder habe die Zusage für eine politische Lösung der Ruhrgas-Übernahme im vergangenen Herbst nach getrennten "Geheimtreffen" mit E.ON-Chef Ulrich Hartmann und BP-Chef Lord John Browne gegeben. Schröders Sprecher Bela Anda erklärte, es habe keine Gespräche gegeben, "in denen eine solche Entscheidung vorweggenommen worden wäre, weil eine solche Entscheidung nicht vorweggenommen werden kann".

Dem Bericht zufolge könnte auch Finanzminister Hans Eichel die Genehmigung erteilen. Eine Sprecherin Müllers betonte aber, laut Gesetz sei dies Sache des Wirtschaftsministers. Der Anstoß müsse von den betroffenen Firmen kommen. Sie betonte, das Kartellamt könne eine Übernahme nur aus Wettbewerbsgründen verhindern. Die Sondererlaubnis könne erteilt werden, wenn gesamtwirtschaftliche Vorteile überwögen.

E.ON will mit Energie Marktführung erreichen
Der Energieriese E.ON entstand Mitte 2000 aus der Fusion der Mischkonzerne VEBA und VIAG. Mit einem Umsatz von 182 Mrd. DM (93,1 Mrd. Euro/1.280 Mrd. S) und 187.000 Beschäftigten im Jahr 2000 gehört der Konzern zu den größten Industrieunternehmen Deutschlands. Im inländischen Stromgeschäft ist E.ON der größte Konkurrent des Reviernachbarn RWE. Die Tochtergesellschaft E.ON Energie wurde aus PreussenElektra sowie dem Bayernwerk gebildet.

Mit der österreichischen Verbundgesellschaft will E.ON eine Wasserkraft-Ehe schließen. Für das geplante Wasserkraft-Joint-Venture European Hydro Power (EHP), an dem E.ON Energie 37 Prozent und der Verbund 63 Prozent halten wird, ist bereits die Zustimmung des deutschen Kartellamtes sowie der Brüsseler Wettbewerbshüter erteilt. Ausständig ist noch die Genehmigung des österreichischen Kartellgerichts. Sitz der EHP wird in Österreich sein. Der Verbund erzielte im Vorjahr einen Umsatz von rund 1,6 Mrd. Euro.

Ruhrgas ist Deutschlands größter Gasverkäufer
Die Essener Ruhrgas AG ist mit 60 Prozent Marktanteil der größte Gasverkäufer in Deutschland. Jährlich verkauft das Unternehmen rund 600 Mrd. Kilowattstunden Erdgas. Im Jahr 2000 stieg der Gesamtumsatz auf 20,5 Mrd. DM (10,48 Mrd. Euro/144 Mrd. S). Der Gewinn lag bei 780 Mill. DM. Insgesamt beschäftigt Ruhrgas fast 10.000 Menschen in den Sparten Gas, Industrie, Telekommunikation und Dienstleistungen. Am weltweit größten Gasproduzenten, der russischen Gazprom, ist die Ruhrgas mit 5 Prozent beteiligt.

Das Unternehmen war 1926 vom Ruhrbergbau unter dem Namen "Aktiengesellschaft für Kohleverwertung" zur Vermarktung von Kokereigas gegründet worden. Eigentümer der heutigen Ruhrgas sind Energie- und Industriekonzerne wie E.ON, RWE, ThyssenKrupp, RAG und Shell. Ruhrgas hat langfristige Verträge mit europäischen Gasproduzenten abgeschlossen und kann damit auch Energie für die innovative Brennstoffzellen-Technik liefern.

18.1.2002 16:16