Freitag, 18. Jänner 2002

US-Präsidialamt distanziert sich von Enron-Bankrott

Zur Pleite des US-Energiekonzerns Enron werden weitere Details bekannt: So hat das Unternehmen in vier der vergangenen fünf Jahre keine Einkommenssteuer gezahlt. Enron hat sich am Donnerstag von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen getrennt. Hintergrund sind Anzeichen, dass die Prüfer trotz Zweifel an den Bilanzpraktiken des Konzerns nicht aktiv wurden. Auch neue Verbindungen zur Politik wurden aufgedeckt. Der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats im US-Präsidialamt, Lawrence B. Lindsey, war vor seiner Berufung durch Präsident George W. Bush als Mitglied eines Beratungsgremiums von Enron tätig.

Wie die "New York Times" berichtete, hatte das profitable Unternehmen 881 Tochtergesellschaften in Steueroasen gegründet um der Besteuerung seiner Gewinne zu entgehen. Dadurch sowie durch die Nutzung von stock options habe Enron seit 1996 sogar noch Steuerrückerstattungen in Höhe von 382 Mill. Dollar (433 Mill. Euro/6 Mrd. S) lukriert.

Die steuerschonenden Enron-Töchter lagen laut einer Aufstellung für Dezember 2000 hauptsächlich in der Karibik, und zwar auf den Cayman Inseln (662) und den Turk und Caicos-Inseln (119). Auch auf Mauritius (43), den Bermudas (8) und anderen Steuerparadiesen gründete das in Houston, Texas, ansässige Unternehmen neue Tochtergesellschaften.

Neben der laut Experten "außergewöhnlich hohen Zahl" von Tochterunternehmen in Steueroasen hatte Enron eine weitere steuerschonende Taktik voll ausgeschöpft: Die Nutzung von stock options durch das Management. Die Enron-Spitze hatte in den Boom-Jahren bei einem bis auf 90 Dollar gestiegenen Aktienkurs durch den Verkauf großer Aktienpakete zig Millionen Dollar verdient. Alleine im Jahr 2000 wurde dadurch eine theoretische Einkommenssteuerverpflichtung von 112 Mill. Dollar in eine Steuerrückvergütung von 278 Mill. Dollar "umgedreht".

Immer mehr Verbindungen zur Politik werden bekannt
Der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats im US-Präsidialamt, Lawrence B. Lindsey, war vor seiner Berufung durch Präsident George W. Bush als Mitglied eines Beratungsgremiums von Enron tätig und hatte dafür im Jahr 2000 50.000 Dollar (56.709 Euro) erhalten, berichtet die "New York Times". Im Oktober des vergangenen Jahres hatte Lindsey eine Untersuchung über die möglichen Auswirkungen der sich abzeichnenden Enron-Krise auf die US-Wirtschaft geleitet.

Lindsey habe damals keine besonders großen Belastungen für die US-Wirtschaft durch den schwankenden Energieriesen erwartet. Der Zusammenbruch der Gesellschaft im Dezember war die größte Unternehmenspleite der US-Wirtschaftsgeschichte. Nach Angaben von Präsidentensprecher Ari Fleischer habe bei Lindsey kein Interessenskonflikt bestanden. Eine Sprecherin der Demokraten, Jennifer Palmieri, kritisierte hingegen, so kurz nach seiner Tätigkeit für das Unternehmen hätte Lindsey die Enron-Krise nicht für die US-Regierung analysieren sollen.

Auch andere prominente Mitglieder der Bush-Administration haben laut Zeitungsberichten enge Verbindungen zu Enron. So scheine der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick ebenfalls im Jahr 2000 als Mitglied in einem Enron-Beratungsgremium auf.

18.1.2002 13:46