Härtestes Training und "Spionage" auf Gran Canaria

Am 17. Februar möchte Steffi Graf in Birmingham einen Angriff auf den 14 Jahre alten 800-m-Weltrekord von Christine Wachtel unternehmen und danach bei der Heim-EM im Dusika-Stadion in Wien ihren Titel von Gent 2000 erfolgreich verteidigen. Um diese Ziele zu erreichen, hat Vizeweltmeisterin Trainingsumfang und -intensität noch weiter gesteigert. Da es heuer nur auf Europa-Ebene Großereignisse gibt, könnte die Verbesserung des Hallenweltrekords auch ein Ziel für ihre ewige Rivalin Mutola sein. Das Duell Graf gegen Mutola geht also weiter.
Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen teilweise meterhohe Dünen - und dazwischen hinterlässt Stephanie Graf kilometerlang ihre Spuren im Sand. Europas Leichtathletin des Jahres 2001 nimmt das traumhafte Panorama nur am Rande wahr, zu sehr kreisen ihre Gedanken beim Training auf Gran Canaria bereits um die großen Ziele der bevorstehenden Hallensaison.
1:56,40 Minuten lautet seit dem Meeting am 13. Februar 1988 im Dusika-Stadion der Hallen-Weltrekord von Wachtel. Grafs Hallenrekord steht seit dem 25. Februar des Vorjahres bei 1:57,53, womit ihr in Lievin 1,13 Sekunden auf die Zeit der Ostdeutschen fehlten. Auch ihre Freiluft-Bestmarke von 1:56,64 Minuten, die sie am 25. September 2000 auf dem Weg zu Olympiasilber in Sydney benötigt hatte, liegt 24/100 über dem angestrebten Rekordwert.
"Schon 2001 hätte ich den Hallen-Weltrekord körperlich drauf gehabt, und vom Training her bin ich heuer noch weiter als damals", erklärt die 28-jährige Kärntnerin, die Trainingsumfang und -intensität im Vergleich zum Vorjahr noch weiter gesteigert hat. So macht sie nun statt acht bis zehn 16 bis 20 Wiederholungen bei harten Intervall-Einheiten wie 8 x 500 m und 8 x 400 m.
Doch diese Höllenqualen ("Ich bin vom Training so fertig, dass ich daneben nichts machen kann, nicht einmal Fernsehen") sind notwendig, um bei der Hallen-Heim-EM (1.-3.3.) dem riesigen Erwartungsdruck standhalten zu können. Denn auch ohne Erzrivalin Maria Mutola aus Mosambik, die der ÖLV-Rekordlerin bei Olympia, der Hallen- sowie der Freiluft-WM Gold weggeschnappt hat, ist der Weg zur angepeilten Titelverteidigung überaus steinig. Schließlich gibt mit der Tschechin Ludmila Formanova heuer jene Läuferin ihr Comeback, die 1999 sowohl unter Dach als auch im Freien vor Mutola 800-m-Weltmeisterin wurde.
"Ich telefoniere täglich mit meinem Trainer Helmut Stechemesser. Dabei erzähle ich ihm nicht nur, wie es mir gegangen ist, sondern auch, was die Konkurrenz trainiert", erläutert Graf, dass in der Leichtathletik "Spionage" eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, um wertvolle Rückschlüsse auf die Form der Gegnerinnen ziehen zu können. Doch auf Gran Canaria deckt noch niemand die Karten voll auf. So stehen auch Österreichs Sportlerin der Jahre 2000 und 2001, die ihren ersten Hallenwettkampf am 6. Februar in Stockholm bestreiten wird, die härtesten Übungseinheiten erst nach der Rückkehr ab Freitag in der Heimat bevor, "denn in den nächsten zwei Wochen folgt der Feinschliff".
Dieser wird im EM-Jahr 2002, in dem nach Wien noch die Freiluft-Europameisterschaften in München (6.-11.8.) warten, im Kampf um die Medaillen ebenso wie bei der Jagd auf den Weltrekord entscheidend sein. Graf vermutet, dass auch Mutola, die bereits Ende Jänner bei den Meetings in Deutschland in die Hallensaison einsteigt, die Wachtel-Marke attackieren will: "Da es heuer nur auf Europa-Ebene Großereignisse gibt, ist die Verbesserung des Hallenweltrekords sicher ein großes Ziel für sie." Das große Duell Graf gegen Mutola geht also weiter, wobei Formanova den Zwei- in einen Dreikampf verwandeln könnte.
