Dienstag, 15. Jänner 2002

Nach 27 Jahren Stillstand

Unter günstigen Vorzeichen haben am Mittwoch auf Zypern direkte Gespräche der griechischen und türkischen Volksgruppen begonnen. Präsident Glafcos Clerides und Türkenführer Rauf Denktas kamen bei einer eineinhalbstündigen Unterredung überein, ab sofort drei Mal wöchentlich zu konferieren, wie der UNO-Beauftragte Alvaro de Soto anschließend in Nikosia mitteilte. De Soto sprach von einem "sehr ermutigenden Start".

Das Gespräch sei "herzlich" verlaufen. Beide Politiker hätten sofort die substanziellen Themen angesprochen. Der türkische Außenminister Ismail Cem sieht die "beste Chance der vergangenen Jahre", wie er am Mittwoch gegenüber der griechischen Nachrichtenagentur ANA hervorhob.

Die Europäische Union drängt wegen der geplanten EU-Aufnahme Zyperns auf eine rasche Lösung des Problems der seit 27 Jahren geteilten Mittelmeerinsel. "Sie werden sich drei Mal in der Woche - am Montag, Mittwoch und Freitag - treffen", sagte De Soto. Das nächste Treffen werde am kommenden Montag auf dem "neutralen" Gelände des ehemaligen Flughafens stattfinden. Wichtigste Themen der Verhandlungen sind die Form des zukünftigen gemeinsamen Staates, Fragen der Autonomie und Gebietsfragen. Auch die Frage der Rückkehr beziehungsweise Entschädigung der 200.000 aus dem Norden vertriebenen griechischen Zyprioten könnte für neuen Streit sorgen.

Am Dienstagabend demonstrierten Bewohner beider Inselteile für ein Ende des jahrzehntelangen Konflikts. Auf türkischer Seite forderten etwa 500 Menschen ein Ende des Streits, im griechischen Süden beteiligten sich 300 Menschen an einer ähnlichen Kundgebung. Der Zypern-Konflikt dürfte auch bei dem Treffen des türkischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit mit US-Präsident George W. Bush am Mittwoch in Washington zur Sprache kommen.

Die Vereinten Nationen haben in ihren Zypern-Resolutionen die Wiedervereinigung der Insel, deren nördlicher Teil seit 1974 von türkischen Truppen besetzt ist, in Form eines "bikommunalen und bizonalen Bundesstaates" gefordert. Die Türkei hat im Nordteil, wo Denktas einen völkerrechtlich inexistenten Separatstaat ("Türkische Republik Nordzypern") eingerichtet hat, rund 40.000 Soldaten stationiert und rund 100.000 Festland-Türken angesiedelt.

Seit 1997 war nur indirekt verhandelt worden. Im November 2000 hatte sich Denktas aus den Gesprächen gänzlich zurückgezogen und verlangt, die UNO müsse die Existenz von "zwei Staaten" auf der Insel akzeptieren. Bei einem Treffen mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan in Salzburg im September vergangenen Jahres hatte Denktas ein wichtiges Zugeständnis gemacht. Der "Präsident" der international nicht anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern" verzichtete erstmals auf seine langjährige Forderung nach einer "Konföderation" aus zwei "gleichberechtigten Staaten" und sprach von einem "gemeinsamen Staat aus zwei Entitäten".

15.1.2002 11:39