Samstag, 12. Jänner 2002

Vize-Finanzminister spricht von "Beleidigung"

Der stellvertretende argentinische Wirtschaftsminister Jorge Todesca hat scharfe Kritik am Internationalen Währungsfonds (IWF) geübt und diesem mangelndes Verständnis für sein in einer schweren Finanzkrise steckenden Land vorgeworfen. Die Regierung in Buenos Aires arbeite sehr hart an einem schlüssigen Konzept, um die schwere Rezession in den Griff zu bekommen.

"Wir brauchen keine IWF-Beamten, die uns alle zwei Minuten erzählen, welchen Kurs wir einschlagen sollen, und dies aus 10.000 Kilometer Entfernung tun, ohne die Situation gut zu kennen", sagte er am Samstag in einem Interview.

Wenige Tage nach Amtsantritt habe die Regierung einen "unverständlichen" Brief der stellertretenden IWF-Chefin Anne Krueger erhalten, der eine Reihe von Punkten anspreche. "Es war unklar, ob sie Forderungen waren oder nicht. Ich betrachte ihn (den Brief) als Beleidigung für Argentinien", sagte Todesca. Der IWF sollte "weniger reden, besonders, wenn sie nichts Interessantes zu sagen haben", sagte der Politiker in einem Radiointerview und forderte mehr Zeit für die Stabilisierung der Wirtschaft. Seine Äußerungen dürften die bereits gespannten Beziehungen zwischen Argentinien und dem IWF weiter belasten.

Der IWF hatte am Freitag schlüssige Wirtschaftsreformen in Argentinien als Voraussetzung für eine Unterstützung des Landes genannt. Das von der neuen Regierung eingeführte System eines festen und eines freien Wechselkurses für den argentinischen Peso sei mittelfristig nicht ausreichend für eine Erholung der Wirtschaft, sagte Krueger in Washington.

Am Freitag hatte die IWF-Direktorin öffentlich Zweifel an der Wirksamkeit des von der argentinischen Regierung beschlossenen dualen Währungskurssystems geäußert. Am gleichen Tag war der Peso am ersten Tag seiner Freigabe erneut im Verhältnis zum US-Dollar abgerutscht. Die argentinische Landeswährung wurde in Buenos Aires mit rund 1,70 zu einem Dollar notiert. Dieser Wert lag deutlich unter dem offiziellen Umrechnungskurs von 1,40. Allerdings hatten Beobachter teilweise ein noch tieferes Abgleiten des Pesos erwartet.

Am Freitag protestierten Tausende Argentinier in Buenos Aires zum Teil gewalttätig gegen die Finanzpolitik der Regierung und forderten, mehr Geld von ihren Konten abheben zu dürfen, als dies nach der jüngsten Verfügung möglich ist. Die Polizei feuerte Tränengas und Gummigeschosse auf die Menge, es gab allerdings keine Berichte über Verletzte. Es waren die ersten großen Proteste seit dem Amtsantritt von Präsident Eduardo Duhalde am 2. Jänner.

Die Regierung will mit ihren Maßnahmen nach der Abwertung des Pesos einem weiteren Verfall der argentinischen Währung vorbeugen. Für den Devisenumtausch von Privatleuten gilt daher ein freier Peso-Kurs, für den Außenhandel wurde ein Verhältnis von 1,40 Peso für einen Dollar festgelegt. Die bisherige Eins-zu-Eins-Bindung an den Dollar war 1991 beschlossen worden. Diese Kopplung hatte die damalige Hyperinflation gestoppt, in den vergangenen Jahren aber zunehmend zu Wettbewerbsnachteilen für die Exportindustrie geführt. Die Rezession in Argentinien dauert seit fast vier Jahren an.

12.1.2002 10:22