Freitag, 11. Jänner 2002

Religionsschulen sind "Brutstätten des Extremismus"

Der General sparte nicht an Deutlichkeit. Manche der allgenwärtigen Religionsschulen seien zu "Brutstätten des Extremismus" verkommen, in den Moscheen werde Hass gepredigt, befand Pakistans Militärherrscher Pervez Musharraf mit sanfter Stimme in seiner Rede an die Nation am Samstag. Das könnte der Anfang einer Lösung der aktuellen Kaschmir-Krise sein.

Dass der Präsident darin ein Verbot extremistischer Moslemgruppen aussprach, überraschte kaum - die allumfassende Kriegserklärung des Präsidenten an die Adresse militanter Islamisten dagegen umso mehr. Einen "Wandel im Denkmuster" will ein Zeitungskommentator erkannt haben; andere gehen weiter und sehen für Pakistan schon eine Zeitenwende am Horizont.

Noch vor einer Woche war der General von Indien als Meister der Öffentlichkeitsarbeit verlacht worden, als er auf dem Südasien- Gipfel in Nepal Indiens Regierungschef Atal Behari Vajpayee vor den Kameras die Hand bot. "Das ist nicht genug", hieß es kühl und unisono aus Neu Delhi. Erst müsse Islamabad glaubhaft gegen radikale Moslems vorgehen, dann könne man reden. Und noch einen Tag vor Musharrafs Rede nahm Armeechef S. Padmanabhan das Wort "Atomkrieg" in den Mund. Der massivste Truppenaufmarsch an der gemeinsamen Grenze beider Nuklearmächte seit Jahrzehnten war bereits seit Wochen vollzogen.

Drehbuch für Musharrafs Coup aus London & Washington?
Doch dürfte das Drehbuch für Musharrafs jüngsten Coup nach Meinung von Kennern eher in London und Washington geschrieben worden sein, als in Islamabad. Vor allem Großbritanniens Premier Tony Blair habe ihn vermutlich streng ins Gebet genommen, nachdem er in Nepal noch - für Indien so schmerzhaft - zwischen "Freiheitskämpfern" in Kaschmir und Terroristen unterschieden hatte. Davon war am Samstag keine Rede mehr; der General weiß, dass er seinen Kredit im Westen als wichtiger Verbündeter im Anti-Terror-Kampf auch leicht wieder verspielen kann. Als Beweis setzten die pakistanischen Behörden 500 islamistische Aktivisten fest und ließen bei den Büros der nun verbotenen militanten Moslemorganisationen die Rollläden herunter.

Indien feilte sorgfältig an seiner Reaktion - und bot sogar die Wiederaufnahme der Gespräche über Kaschmir an, sollte Musharraf seine Verprechen zur Zufriedenheit Neu Delhis einlösen, an deren Ende, hoffen viele, eine Lösung für die umstrittene Region stehen könnte. "Indien muss bereit sein, einen ernsthaften politischen Prozess in Gang zu bringen, der eine einfache und endgültige Lösung des Streits um Kaschmir zum Inhalt hat", befindet die angesehene Tageszeitung "The Hindu". "Die jetzige Konstellation der Umstände ist eine seltene, und Herr Vajpayee muss sie ergreifen."

Gefahr: Könnten Moslems an Sturz Musharrafs arbeiten?
Wenn da nicht die Sorge wäre, dass Musharraf mit seiner kühnen Kampfansage möglicherweise seinen Sturz riskiert. Zweifellos werden die Maßnahmen die Untergrundbewegungen in Kaschmir verändern, meint der Kommentator des "Indian Express". "Die einzige Bedingung ist: Er (Musharraf) sollte überleben, bis seine Politik beginnt, Ergebnisse hervorzubringen". Denn wer nach ihm käme, wäre völlig ungewiss und könnte die gerade entschärfte Kriegsgefahr wieder neu anfachen.

11.1.2002 20:27