Donnerstag, 10. Jänner 2002

ISAF-Vorauskommando noch immer in der Türkei

Die US-Luftwaffe setzt ihre Angriffe gegen vermutete Verstecke des Terrornetzwerks El Kaida in Afghanistan fort. Laut AIP bombardierten Kampfflugzeuge den Höhlenkomplex Shawar Kili im Osten Afghanistans; zugleich hätten Hubschrauber 50-US-Infanteristen in einem Gebiet unweit der Stadt Khost nahe der pakistanischen Grenze abgesetzt. Die Ankunft des ISAF-Kommandos ist weiter ungewiss.

Der EU-Beauftragte für Afghanistan und frühere stellvertretende NATO-Generalsekretär Klaus-Peter Klaiber hat sich unterdessen dafür ausgesprochen, eine Ausweitung des Mandats für die internationale Schutztruppe ISAF über Kabul hinaus zu diskutieren. Die derzeitige Beschränkung auf die afghanische Hauptstadt und deren Umgebung sei gut, denn "dort ist erst einmal der Schlüssel für den Anfang dieser neuen Bemühungen um ein gemeinschaftliches Vorangehen im Lande", sagte Klaiber am Donnerstag in einem Radiointerview. In einigen Monaten sei aber zu prüfen, "ob das ausreicht, und dann müssen die Vereinten Nationen möglicherweise neu beraten".

ISAF-Vorauskommando noch immer in der Türkei
Der Termin für die Ankunft der ersten deutschen und niederländischen ISAF-Mitglieder in Afghanistan ist weiter ungewiss. Das Vorauskommando, dem auch zwei Verbindungsoffiziere des österreichischen Bundesheeres angehören, hängt wegen schlechten Wetters seit Dienstag in der Türkei fest. Das Kommando war nach der Zwischenlandung in Trabzon am Schwarzen Meer von Schneestürmen überrascht worden.

Flugzeugabsturz: Alle Insassen tot
Die sieben Besatzungsmitglieder des in Westpakistan abgestürzten US-Tankflugzeugs sind nach US-Angaben tot. Nach Darstellung des US-Verteidigungsministeriums gibt es keine Anzeichen für einen feindlichen Beschuss. Die genaue Absturzursache werde untersucht, teilte das Pentagon mit. Die Maschine war nach Angaben von Augenzeugen bereits in Flammen, als sie am Mittwochabend nahe der afghanischen Grenze auf einen Berg prallte und abstürzte.

Kritik an Luftangriffen
Die Anzahl der bei den US-Luftangriffen getroffenen Schuldigen - Taliban- oder Al-Kaida-Kämpfer - liege im Verhältnis zu unbeteiligten afghanischen Opfern bei unter einem Prozent, erklärte der amerikanische Universitätsprofessor Marc Herold. "Die Bereitschaft, die eigenen Leute zu opfern, signalisiert den politischen und moralischen Ausnahmezustand. Die Amerikaner legen Zeugnis ab von der erstaunlichen Kraft ihrer kampfbereiten Kultur. Wie man diesen Kampf mit allen Mitteln bewertet ist unabhängig von der Frage, wie hoch die tatsächliche Zahl der zivilen Toten irgendwann ausfallen wird", kommentierte am Donnerstag die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Versorgung der Hilfsbedürftigen kaum möglich
Der Kampf ums nackte Überleben fordert in Afghanistan immer weitere Opfer. Wegen anhaltender Sicherheitsprobleme können Hunderttausende nicht von internationalen Hilfsorganisationen versorgt werden. Ein erschütterndes Bild von der Lage der Gesundheitsversorgung zeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In vielen Krankenhäusern des Landes sei die gesamte Einrichtung einschließlich der Betten geplündert worden, sagte WHO-Sprecherin Christine McNab am Donnerstag in Genf. In manchen Provinzen gebe es nur zwei Ärzte für 34.000 Menschen.

Der Leiter der Katastrophenhilfe der österreichischen Caritas, Friedrich Altenburg, führt das geringe Interesse der Weltöffentlichkeit an der Situation der Menschen in den Dörfern und Camps darauf zurück, dass sich dort das Sterben versteckt abspiele. Es gebe nicht die Konzentration von Flüchtlingen in Großlagern wie während der Kosovo-Krise 1999.

10.1.2002 14:47