Donnerstag, 10. Jänner 2002

Trimble fordert Ende der Gewalt

Nun wurde bereits die zweite Schule in Belfast von militanten Protestanten angegriffen. Wegen der schweren Krawalle zwischen pro-britischen Protestanten und pro-irischen Katholiken nahe der Holy-Cross-Schule ist der Unterricht aus Sicherheitsgründen ausgesetzt worden. Rund 500 katholische und protestantische Jugendliche hatten sich in der Nacht Straßenschlachten geliefert.

Nach den gewalttätigen Ausschreitungen bei der Holy-Cross-Schule in Belfast haben militante Protestanten am Donnerstag auch eine zweite katholische Schule im Stadtteil Ardoyne angegriffen. Sie zerschlugen auf dem Parkplatz vor dem Gebäude die Türen und Fensterscheiben von 17 Autos.

Auch die besorgten Eltern der zweiten katholischen Schule im mehrheitlich von Protestanten bewohnten Stadteil forderten nach den Angriffen die Einstellung des Unterrichts. "Ist es das Leben eines Kindes wert, dass es zum Unterricht in die Schule gebracht wird?", fragte die Mutter Marie Bradley. Die Leitung der Holy-Cross-Schule hatte am Donnerstagmorgen den Schulbetrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt.

Bis zu 30 Verletzte
Polizisten, die die Gewalttäter trennen wollten, gerieten zwischen die Fronten. Bis zu 30 Personen wurden verletzt. Der nordirische Premierminister David Trimble rief zu einem Ende der Gewalt auf. Im Stadtteil Ardoyne wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Es sei noch unklar, wann und wo die Schule überhaupt geöffnet werde, sagte der katholische Pfarrer und Aufsichtsratsvorsitzende der Schule, Aidan Troy, laut katholischer Presseagentur am Donnerstag. "Wir stehen noch nicht einmal wieder ganz am Anfang. Es ist viel schlimmer, aber dennoch müssen wir versuchen, aus dieser Situation herauszukommen", sagte Troy. Allerdings dürften die Kinder nicht gefährdet werden.

Reid verurteilt "sinnlose Gewalt"
Der britische Nordirlandminister John Reid verurteilte die Ausschreitungen als "sinnlose Gewalt". In einer gemeinsamen Erklärung betonten am Mittwochabend auch Trimble und sein Stellvertreter Mark Durkan, dass Gewalt keine Lösung sei. Sie wollten nach wie vor mit örtlichen Politikern, den Gemeinden und Kirchen an einer friedlichen Beilegung "der tiefgreifenden Probleme" arbeiten. Alle Menschen sollten Ruhe bewahren und weiter zusammenwirken, um auf dem bereits Erreichten aufzubauen.

Bei den Unruhen, die bis Donnerstagmorgen andauerten, wurden nach offiziellen Angaben 14 Polizisten und mehrere Randalierer verletzt. Von insgesamt bis zu 30 Verletzten war die Rede. Der Stadtteil Ardoyne wurde unter verschärfte Sicherheitsvorkehrungen gestellt.

Schule zum Heiligen Kreuz
Die Schule zum Heiligen Kreuz (Holy Cross Primary School) gilt als ein Symbol des sozialen Konflikts zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland. Sie liegt als katholische Enklave in einem Wohngebiet der Protestanten. Im vergangenen Jahr hatten Protestanten den Schulweg blockiert. Die Eltern der Mädchen erzwangen den Zugang unter einem starken Polizei- und Armeeaufgebot. Tagelang wurden die völlig verängstigten Kinder in einem Korridor von Soldaten durch eine Menge laut schreiender und pfeifender Demonstranten geführt, obwohl sie auch eine längere Route durch "katholisches" Gebiet hätten nehmen können. Im November beendeten die Protestanten die Blockade des Schulwegs. Nun befürchtet man, dass sich die Bilder wiederholen könnten.

Provokationen sind alltäglich
An den Spannungen zwischen den beiden Religionsgruppen habe sich seit damals nichts geändert, sagte ein Polizist im Rundfunk. Provokationen seien alltäglich, und sie kämen von beiden Seiten. Auslöser der Krawalle vom Mittwoch soll eine Auseinandersetzung zweier Frauen gewesen sein, als katholische Eltern ihre Kinder von Schule abholten. Die Situation eskalierte: Steine, Flaschen, Feuerwerkskörper und Benzinbomben wurden geworfen. Polizisten versuchten, die Menge mit Plastikgeschossen auseinander zu treiben. Ein gepanzertes Polizeifahrzeug sei von einem Brandsatz zerstört worden. Rund 200 Polizisten und ebenso viele Soldaten seien im Einsatz gewesen.

Konfliktherd Arbeitslosigkeit
In Nordirland herrscht seit Jahrzehnten ein Konflikt zwischen protestantischen Unionisten, die für den Verbleib der Provinz Nordirland bei Großbritannien eintreten, und den katholischen Nationalisten, die einen Anschluss an die Republik Irland wollen. Besondere Brisanz hat der Konflikt in jenen Teilen Nordirlands, wo es eine hohe Arbeitslosigkeit sowie einen harten Wettbewerb um Arbeitsplätze und Wohnraum gibt.

Mit dem 1998 unter britischer, irischer und US-Vermittlung geschlossenen Nordirland-Friedensabkommen sollte der Konflikt, der mehr als 3.600 Menschen das Leben gekostet hat, beendet werden.

10.1.2002 08:08