1. Sitzung im neuen Jahr

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen in der Euro-Zone unverändert gelassen und keine klaren Hinweise auf eine baldige Senkung gegeben. EZB-Chef Wim Duisenberg zeigte sich im Anschluss an die erste Ratssitzung des Jahres zuversichtlich, dass die Konjunktur in der Euro-Zone 2002 wieder an Fahrt gewinnen werde. Trotz erster Anzeichen für eine Erholung werde das Wachstum im ersten Quartal aber kaum höher ausfallen als in der zweiten Jahreshälfte 2001.
Die Inflationsrisiken bezeichnete er als ausgeglichen. Analysten sagten, die EZB habe sich keineswegs auf eine baldige Zinssenkung festgelegt. Der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Schlüsselzins beträgt damit weiterhin 3,25 Prozent.
Die jüngsten Konjunkturdaten bestätigten nach den Worten Duisenbergs die Einschätzung der EZB einer Fortsetzung der Konjunkturschwäche. "Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass der Vertrauensrückgang die Talsohle bereits erreicht hat", sagte er. Ausmaß und Stärke der Erholung seien jedoch weiterhin ungewiss.
Die Jahresteuerung wird nach den Worten Duisenbergs in diesem Jahr unter die EZB-Toleranzgrenze für Preisstabilität von zwei Prozent sinken - dabei seien jedoch auch zwischenzeitliche Anstiege nicht ausgeschlossen. "Wir erwarten mittelfristig keinen Aufwärtsdruck der Inflation." Ein Grund zur Sorge seien jedoch die derzeit anstehenden Tarifverhandlungen. Die Regierungen der Euro-Zone forderte Duisenberg erneut zu Reformen und Haushaltsdisziplin auf. Für eine aktive Fiskalpolitik gebe es keinen Anlass.
Analysten sahen in den Äußerungen des Notenbankpräsidenten keine Hinweise für baldige Zinssenkungen. "Die EZB hat keine Eile, die Zinsen in die eine oder andere Richtung zu verändern", sagte Robert Lind von ABM Amro in London. Duisenbergs Äußerungen seien nur eine Bestätigung früherer Aussagen der EZB. "Herr Duisenberg signalisierte, dass sich sowohl Wachstum als auch Inflation genau so entwickeln, wie von der EZB erwartet...deshalb gibt es für die Geldpolitik kein Handlungsbedarf", sagte Klaus Baader von Lehman Brothers in London. In der vergangenen Woche hatte noch eine überwältigende Mehrheit der Analysten mit einer Zinssenkung im Februar gerechnet.
Duisenberg hatte das derzeitige Zinsniveau in der Euro-Zone in den vergangenen Wochen wiederholt als angemessen für die absehbare Zukunft bezeichnet und damit bereits eine Zinssenkung in dieser Woche so gut wie ausgeschlossen. "Die EZB hatte sich schon vorher so eindeutig geäußert, dass man keine andere Entscheidung erwarten konnte", sagte Michael Schubert von der Commerzbank in Frankfurt.
Zudem hätten die Konjunkturdaten in den vergangenen Wochen tatsächlich keine entscheidend neuen Erkenntnisse geliefert, sagten die Experten. "Eine Zinsänderung wäre kaum zu rechtfertigen gewesen, weil sich an dem Konjunkturausblick seit der letzten Sitzung so gut wie nichts geändert hat", sagte Adolf Rosenstock von Nomura International.
Der Euro reagierte denn auch kaum auf die erwartete Entscheidung. Am Nachmittag gab er einen Teil seiner Gewinne ab, und behauptete sich knapp über der Marke von 0,90 Dollar. Auch der Dax notierte weiter mit gut einem Prozent im Plus bei 5221 Punkten.
Auch den Zinskorridor für den Geldmarkt ließ die Zentralbank unverändert. Die Sätze dafür betragen weiterhin 2,25 Prozent für Übernachteinlagen der Banken bei der EZB (Einlagenfazilität) und 4,25 Prozent für Übernachtkredite (Spitzenrefinanzierungsfazilität). Im vergangenen Jahr hatte die EZB die Leitzinsen in vier Schritten um insgesamt 1,5 Prozentpunkte gesenkt und damit auf den konjunkturellen Abschwung in der Euro-Zone reagiert.

