Nach jahrelangem Boom steht Durststrecke bevor

Der deutschen Autoindustrie steht nach Jahren mit Verkaufsrekorden im In- und Ausland 2002 eine Durststrecke bevor. Die insgesamt schwache Weltwirtschaft und ein beinharter Preiswettbewerb dürften nach Expertenmeinung zumindest in der ersten Hälfte des neuen Jahres bei den deutschen Autobauern zu ungewohnten Belastungen führen. Mit Audi, BMW und VW erhalten gleich drei große Konzerne 2002 neue Chefs.
Erschwert wird die Lage durch eine voraussichtlich harte Tarifrunde mit den Gewerkschaften. Rückenwind erhofft sich die Branche indes von der Markteinführung neuer Modelle. Analysten und Branchenexperten sagen der deutschen Autoindustrie nach einem im Inland schon schwierigen Jahr 2001 für 2002 nun eine leicht rückläufige Entwicklung oder im besten Fall eine Stagnation voraus. Analysten bezweifeln auch, dass die Branche an die 2001 rund 3,3 Millionen im Inland neu zugelassenen und etwa 5,2 Millionen produzierten Fahrzeuge anknüpfen kann.
Gleiches gilt für die zuletzt so florierenden Exporte, die von einem Preiskampf der großen Hersteller in den USA sowie der Wirtschaftsschwäche in Fernost belastet werden. "Das wird ein relativ schwieriges Autojahr", prophezeit Georg Stürzer, Branchenanalyst bei der HypoVereinsbank. Er rechne mit einem Rückgang bei den Neuzulassungen von sieben Prozent in Nordamerika und drei Prozent in Westeuropa. "Das dürfte die Schärfe des Wettbewerbs noch anheizen", fügt Stürzer mit Blick auf die fast ruinösen Kaufanreize besonders in den USA hinzu. Dort kann man zurzeit bei Autohändlern zinsfrei auf Pump kaufen. Allerdings sieht Stürzer die Autokonzerne nicht in eine Krise, sondern allenfalls in eine Marktkorrektur steuern. "Das ist zu bewältigen", glaubt der Autoanalyst. "Weitgehende Kapazitätsanpassungen halte ich nicht für wahrscheinlich." Mit Blick auf die Aktienkurse deutscher Autobauer zeigt er sich sogar optimistisch: "Ich erwarte eine deutliche Ergebniserholung ab 2003, was sich bereits ab dem zweiten Quartal in den Kursen niederschlagen dürfte." Doch nicht nur die weltweite Konjunkturflaute sorgt in den Führungsetagen der Autohersteller für Kopfzerbrechen, auch müssen die Konzerne hausgemachte Probleme lösen.
So muss DaimlerChrysler sein verlustträchtiges Geschäft der US-Tochter Chrysler aus den roten Zahlen bringen und hat dafür ein milliardenschweres Sanierungsprogramm inklusive des Abbaus von 26.000 Arbeitsplätzen angeschoben. Auch die LKW-Tochter Freightliner steckt mitten im Umbau. Analysten und VDA sagen dem Bereich Nutzfahrzeuge ohnehin erneut ein ungleich schwierigeres Jahr 2002 als bei Personenkraftwagen voraus.
Opel will mit Rosskur 2003 wieder in die Gewinnzone
Auch die tief in den roten Zahlen steckende Rüsselsheimer Adam Opel AG hat sich eine Rosskur auferlegt. Nach einem voraussichtlich erneuten Betriebsverlust an der Milliarden-DM-Grenze 2001 hat Opel-Chef Carl-Peter Forster aber erst für 2003 wieder Gewinne angepeilt.
Neue Köpfe an den Spitzen der deutschen Autokonzerne
2002 wird auch das Jahr der neuen Köpfe an den Spitzen der deutschen Autokonzerne. Bernd Pischetsrieder löst Ferdinand Piech als Chef bei Volkswagen ab, und VW-Vostand Martin Winterkorn wechselt auf den Chefsessel der Konzerntochter Audi. Der bisherige Vorstandsvorsitzende bei den Ingolstädtern, Franz-Josef Paefgen, übernimmt dafür unter anderem die Geschäftsleitung der VW-Nobelmarken Rolls-Royce und Bentley. Allerdings geht Rolls-Royce zum Jahresende in den Besitz des BMW-Konzerns über, der schon ungeduldig dem Bau eines neuen Modells der englischen Traditionsmarke entgegen sieht. Auch die Münchener wechseln ihre Konzernspitze aus: Finanzchef Helmut Panke übernimmt im Mai vom überraschend freiwillig abtretenden Joachim Milberg den Vorstandsvorsitz. Während Analysten durch die Personalwechsel im Hause VW Veränderungen in der Firmenpolitik nicht ausschließen, dürfte sich der Vorstandsumbau bei BMW ihrer Ansicht nach kaum bemerkbar machen.
Schwung dürfte die deutsche Autobranche 2002 auch durch einige spektakuläre Markteinführungen erhalten, wobei vor allem die Segmente Luxus- und Spaß-Fahrzeuge hervorstechen werden. Während BMW jüngst mit seinem Aufsehen erregenden neuen 7er bereits den ersten Schritt machte, und VW im Frühjahr mit der Limousine "Phaeton" in die Luxusklasse vorstoßen will, strebt DaimlerChrysler in eine ganz andere Dimension: Nach rund vierjähriger Planung und Entwicklung wollen die Stuttgarter im Herbst mit dem gut sechs Meter langen und mehr als eine halbe Millionen Mark teuren "Maybach" die absolute Pkw-Spitzenklasse erklimmen. Zuvor präsentiert Mercedes zudem das neue Modell des Verkaufsschlagers "E-Klasse". Auf ganz anderen Pfaden als gewohnt fährt der Sportwagenbauer Porsche, der von Herbst an mit dem "Cayenne" erstmals einen Geländewagen anbieten will.

