Klestil: "Seien wir verständnisvoll"

In seiner Radio-Neujahrsansprache für Radio Wien hat sich Bundespräsident Thomas Klestil heute bei Kammern und Verbänden für die Bemühungen Wien zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort zu machen bedankt. Seine Neujahrswünsche verband das Staatsoberhaupt mit der Bitte weiterhin eine Atmosphäre der Gastfreundschaft, der Toleranz und der Lebensfreude zu bewahren.
Die Rede des Bundespräsident im Wortlaut:
Wenn heute die Hotels und Restaurants - und morgen die Banken und Handelsunternehmen - ihren Betrieb aufnehmen, dann beginnt für uns alle eine neue Zeit: Der EURO ist dann offizielles Zahlungsmittel und die Menschen zwischen Spanien und Finnland, Irland und Italien können in gleicher Währung Waren und Dienstleistungen kaufen und verkaufen wie wir Österreicher.
Die älteren Mitbürger werden heute allerdings mit verständlicher Nostalgie an den Schilling denken - hat er uns doch durch die Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit begleitet: Wir waren stolz, als er im Wert gewann - weil Österreich dank des inneren Friedens, anhaltender Deviseneinkünfte und einer konsequenten Hartwährungspolitik an Wohlstand zulegte - und wir ärgerten uns über so manche Devisenvorschrift, wenn wir die Grenze überschreiten wollten.
Was es freilich heute für eine Großstadt wie Wien bedeutet, dem bedeutendsten Binnenmarkt der Welt mit 300 Millionen Konsumenten anzugehören, wird sich erst in der Zukunft in voller Tragweite beschreiben lassen. Schon jetzt kann Wien jedoch als innovativer Industriestandort und wichtige Tourismusstadt gar nicht abseits stehen: Zu vielfältig ist längst die Vernetzung mit den Geld- und Warenmärkten um uns. Nicht zuletzt deshalb glaube ich auch an die belebende Wirkung des EURO für die internationale Konjunktur, das Wirtschaftswachstum und den Arbeitsmarkt.
Dazu kommt, daß die Wiener Wirtschaft nach der EU-Erweiterung einen riesigen Absatzmarkt vor der Haustür hinzu gewinnt. Keine Millionenstadt der EU liegt den Grenzen der Beitrittskandidaten so nahe wie Wien - und keine Konkurrenz aus anderen westlichen Städten hat schon jetzt bei unseren Nachbarn einen vergleichsweise großen Vorsprung.
Ich danke daher den Kammern, Verbänden und der Stadtverwaltung für die Bemühungen, Wien zu einem offenen und attraktiven Wirtschaftsstandort zu machen. Dennoch verbinde ich meine Neujahrswünsche mit einer Bitte an alle Bewohner dieser schönen Stadt: Erhalten wir uns weiterhin eine Atmosphäre der Gastfreundschaft, der Toleranz, der Lebensfreude, für die die Kulturstadt Wien immer berühmt gewesen ist; seien wir verständnisvoll auch gegenüber Asylsuchenden, Minderheiten und Neuankömmlingen mitten unter uns. Zwischen den ethnischen und konfessionellen Gruppen darf es hier keine Zwietracht geben - vielmehr sollten wir dialogbereit und respektvoll miteinander umgehen.
In diesem Geiste wünsche ich allen Mitbürgern Wiens - und allen Menschen, die in dieser Stadt leben - ein herzliches Prosit 2002!
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