Sonntag, 30. Dezember 2001

Profilbildung der Universitäten vordringlichstes Ziel

Als "Jahr der Herausforderungen" für die österreichischen Universitäten hat Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) 2002 bezeichnet. Es werde das Jahr der Uni-Reform, "die Beendigung des großen Reform-Werkes, das Erhard Busek in den neunziger Jahren angefangen hat". Und es werde das Jahr der Profilbildung, die Gehrer nicht von oben herab verordnen will.

"Ich entlasse die Unis nicht aus der Pflicht, Evaluierungen selbst zu initiieren und ihre Positionierung selbst zu finden", sagte Gehrer in einem Interview mit der APA. Bei der Uni-Reform kündigt Gehrer erste Änderungen gegenüber dem - zum Teil heftig kritisierten - Diskussionspapier ihres Ressorts an.

Profilbildung der Unis in Gange
Ziel der Profilentwicklung ist die Schaffung von Synergien und kritischen Größen sowohl im Lehr- als auch im Forschungsbereich. Aufgabe der dafür eingesetzte Arbeitsgruppe im Bildungsministerium ist laut Gehrer, "Fragen zu stellen, aufzuzeigen, zu hinterfragen und Evaluierungen in Auftrag zu geben". An etlichen Fakultäten würden die Herausforderungen dieser Schwerpunktsetzung bereits gesehen und Aktivitäten gesetzt. Viele Dinge seien im Laufen, aber das wirke nicht so spektakulär, weil sie es nicht von oben befehle: "Es wollen ja viele, dass ich einen Masterplan erstelle und dass dann alle dagegen sein können."

Der Kritik des Akademie-Präsidenten Werner Welzig, dass die "Regierung bei derart essenziellen Fragen zu beißen" habe, entgegnet Gehrer, dass es effektiver sei, die Profilbildung mit den Betroffenen gemeinsam zu machen, "als sie von oben aufzuoktroyieren und dann viel Zeit zu verbrauchen, um die Widerstände alle aufzulösen". Sollte es aber nicht möglich sein, gemeinsam die bestmögliche Entwicklung zu erreichen, "dann muss die Politik den Mut haben einzugreifen. Aber ich sehe es nicht als primäre Aufgabe der Politik, alles vorzugeben".

Profilbildung nie abgeschlossen
Abgeschlossen werde die Profilbildung nie sein, Schwerpunksetzung und Entwicklungsplanung seien ständig laufende Prozesse, meint Gehrer. Erste und wichtige Ergebnisse müsse es aber geben, sobald die im Zuge der Uni-Autonomie geplanten Leistungsvereinbarungen verhandelt würden, weil dann festgeschrieben werde, was die jeweilige Uni anbiete. Verhandelt werden die Leistungsverträge nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes (geplant Anfang Oktober 2002), also im Studienjahr 2002/03. Das bedeutet, dass die österreichische Uni-Landschaft durch die Profilbildung voraussichtlich ab dem Studienjahr 2003/04 deutlich anders aussehen wird als derzeit.

Im Bildungsministerium arbeiten die Beamten derzeit mit Hochdruck am Gesetzesentwurf für die geplante Vollrechtsfähigkeit der Universitäten, der Ende Februar, Anfang März zur Begutachtung ausgesendet werden soll. Dass die parlamentarische Enquete zur Uni-Reform von Jänner auf Februar (21.2.) verschoben wurde, bedauert Gehrer. "Wir werden aber im Gesetzesentwurf jene Punkte, von denen wir wissen, dass sie im Parlament diskutiert werden, wie etwa die Mitbestimmung, so flexibel gestalten, dass die Ergebnisse der Enquete noch in den Entwurf einfließen können", so die Ministerin.

Beispiele für Profilbildung von Unis
Die Universitäten arbeiten intensiv an der Profilbildung, mit der - so das Ziel des Bildungsministeriums - "Synergien und kritische Größen" geschaffen werden sollen. Im APA-Gespräch nannte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) verschiedene Beispiele von Aktivitäten:

Die Universität Salzburg arbeite intensiv an ihrer Profilentwicklung. Die Geisteswissenschaftliche- (Gewi) und die Naturwissenschaftliche (Nawi) Fakultät werden evaluiert, vor allem die Nawi-Fakultät müsse sich zwischen München und Wien positionieren, so Gehrer. Bei der Gewi-Fakultät gebe es verschiedene Ideen einer stärkeren Zusammenarbeit mit dem Mozarteum.

In Graz wird laut Gehrer das Chemie-Studium zwischen Universität und Technischer Universität (TU) zusammengeführt. "Die haben sich selbst zusammengesetzt und das beschlossen, ohne dass das von oben verordnet wurde", betonte die Ministerin.

Auch an der TU Wien sei die Profilentwicklung im Gange. Dabei gehe es u.a. um eine Abgrenzung gegenüber den Fachhochschulen (FH). So werde analysiert, welche FH-Studiengänge es gebe, die ein bestimmtes Grundbedürfnis erfüllen, und wo könne die TU ein Masterstudium daraufsetzen.

Bei der Architektur-Ausbildung, die mit insgesamt sechs Standorten in Österreich wohl die Nagelprobe für die Profilbildung wird, gibt es laut Ministerin Überlegungen, "wo siedle ich die Grundausbildung an und wo kann ich künstlerische Ergänzungsfächer anbieten".

In der Mathematik wird österreichweit das gesamte Studienangebot evaluiert.

Wichtig: Uni-Neubauten
Voraussetzung ist die Profilbildung auch für die Genehmigung von Uni-Neubauten. So gibt es laut Gehrer intensive Gespräche mit der TU Wien über den Neubau für die Maschinenbau-Fakultät auf der Platte. Voraussetzung dafür sei aber die Analyse, wie schaut der moderne Maschinenbau aus und wo soll er in fünf Jahren sein. Entsprechend müsse das Raumangebot gestaltet werden. "Der Neubau ist notwendig, aber die Positionierung muss einer modernen Ausrichtung folgen", sagte Gehrer.

30.12.2001 08:46