Er braucht dringend medizinische Behandlung

Der ehemalige Staatspräsident von Bosnien-Herzegowina, Alija Izetbegovic, ist mit Herzproblemen zu einer dringenden medizinischen Behandlung nach Saudiarabien geflogen worden, wie die Nachrichtenagentur ONASA am Samstag aus Sarajewo meldete. Nach offiziellen Angaben verschlechterte sich der Gesundheitszustand des 76-jährigen Politikers, weshalb man sich zu einer Behandlung in Saudiarabien entschloss.
Izetbegovic, der bereits zwei Herzinfarkte erlitten haben soll, war vor zwei Wochen nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vorübergehend im Spital. In Dubai hatte er die Auszeichnung "Islamische Persönlichkeit des Jahres" 2001 erhalten. Der Politiker, der die ehemalige jugoslawische Teilrepublik in die Unabhängigkeit geführt hatte, war Ende 2000 aus Altersgründen aus dem Staatspräsidium ausgeschieden.
In Belgrad war spekuliert worden, Izetbegovic könnte nicht aus Dubai heimkehren und Unterschlupf in einem islamischen Land finden. Er wolle sich dem Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal entziehen, das gegen ihn Anklage erheben könnte, hatte es geheißen. Serbische Behörden und Politiker werfen Izetbegovic Völkermord und Kriegsverbrechen an der serbischen Bevölkerung während des Krieges 1992-95 vor. Das UNO-Tribunal hatte Mitte November bestätigt, dass die Anklagebehörde die Vorwürfe prüft.
Izetbegovic hatte 1993 als Staatsoberhaupt eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen. Dort hatte er erklärt, die Verteidigung der bosniakischen Moslems gegen die "ethnischen Säuberungen" der Serben sei ein "Jihad" (Heiliger Krieg), aber der Bosnien-Konflikt sei kein Religionskrieg. Saudiarabien hatte den Politiker mit dem "König-Faisal-Preis für Verdienste um den Islam" ausgezeichnet.
Belgrader Medien hatten dem Politiker vorgeworfen, im Zweiten Weltkrieg der 13. SS-Division "Handschar" (Krummdolch) angehört zu haben, die von den Deutschen im damaligen kroatischen Ustascha-Staat aufgestellt worden war, der auch das bosnische Territorium umfasste. 1943 hatten die deutschen Besatzungstruppen mit Hilfe des nach Deutschland geflüchteten Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin el Husseini, eine bosniakisch-moslemische SS-Division aus über 12.000 Freiwilligen aufgestellt, die den Namen "Handschar" erhielt.
Geboren am 8. August 1925 in Bosanski Samac, entstammt Izetbegovic der kleinen Intellektuellenschicht, die unter österreichisch-ungarischer Verwaltung (ab 1878) an den Universitäten der Donaumonarchie ausgebildet wurde. Sein Vater war Absolvent des Theresianums in Wien. Sowohl von der serbischen als auch von der kroatischen Propaganda als Fundamentalist und Anhänger eines islamischen Gottesstaates dargestellt, hatte er neun Jahre in Titos Gefängnissen verbracht. 1990 gründete er die Partei der Demokratischen Aktion (SDA) und gewann die ersten freien Wahlen, weil die moslemischen Bosniaken mit 44 Prozent Bevölkerungsanteil geschlossen für die SDA stimmten.
Mit seiner "Islamischen Deklaration" hatte Izetbegovic den Grundstein für die Rückbesinnung auf die moslemische Identität gelegt. Der Begriff "ethnischer Moslem" war im kommunistischen Jugoslawien erstmals anlässlich der Volkszählung 1961 eingeführt worden; in Titos Vielvölkerstaat wurde damit eine Konfession zur "Nation". Die Gründung der SDA hatte einen panislamistischen Hintergrund. Maßgebliche Proponenten waren Überlebende der in den Dreißigerjahren entstandenen Organisation "Junge Muslime", die nach 1945 unter dem kommunistischen Regime zerschlagen wurde. Ihr politisches Fernziel war ein moslemischer Balkanstaat.
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