Donnerstag, 27. Dezember 2001

Bürgermeister für Schließung

Der Streit um das Flüchtlingslager Sangatte auf der französischen Seite des Eurotunnels ist am Donnerstag eskaliert. Nachdem am Mittwoch erneut mehrere hundert Flüchtlinge gewaltsam in den Tunnel eingedrungen waren, forderte der sozialistische Bürgermeister von Sangatte, Andre Segard, die Schließung des Rot-Kreuz-Lagers. Seine Forderung wurde vom Roten Kreuz scharf zurückgewiesen.

Eine Schließung des Lagers sei "keine Lösung", sagte Rot-Kreuz-Chef Marc Gentilini. Fast ausnahmslos wollten die Flüchtlinge aus Sangatte nach Großbritannien gelangen. Daher würden sie eine Verlegung in andere Lager nicht akzeptieren.

Durch die Anwesenheit von mehreren hundert Flüchtlingen werde in der Bevölkerung Sangattes Ausländerfeindlichkeit geschürt. Das Rot-Kreuz-Lager habe sich in eine "Mausefalle" verwandelt, sagte Segard angesichts der zuletzt vergeblichen Versuche der Flüchtlinge, durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Gentiline hingegen verwies darauf, dass seit der Gründung des Lagers rund 40.000 Menschen nach Sangatte gekommen seien, und dass es den meisten auf dem einen oder anderen Weg gelungen sei, nach Großbritannien zu gelangen.

Die Eurotunnel-Betreibergesellschaft, die Staatsbahn SNCF und die französischen Behörden hatten die Zugänge zum Tunnel in den vergangenen Monaten mit Millionen-Aufwand abgeriegelt. Seither verschaffen sich die Flüchtlinge zusehends in großen Gruppen gewaltsam Zugang zum Tunnelterminal.

Sangatte habe es mit einem "internationalen Problem" zu tun, sagte Bürgermeister Segard der Tageszeitung "Le Figaro". Die Lage in dem 800-Seelen-Ort sei "explosiv geworden". Deshalb müsse das im September 1999 eingerichtete Lager geschlossen werden. Rot-Kreuz-Chef Gentilini hingegen forderte, Frankreich müsse seine Rolle als Mutterland der Menschenrechte ausfüllen. Eine Zwangsverlegung der Flüchtlinge komme nicht in Betracht. Die Eurotunnel-Gesellschaft betrachtet die Beibehaltung des Lagers als "Provokation". Wiederholt verursachten Flüchtlingsgruppen an den Eurotunnel-Abriegelungen große Schäden.

In der Nacht zum Mittwoch hatten hunderte Flüchtlinge den französischen Terminal des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal gestürmt. Flüchtlinge aus Sangatte versuchen, am Eurotunnel-Terminal nachts auf Frachtzüge aufzuspringen und illegal durch den rund 40 Kilometer langen Tunnel nach Großbritannien zu kommen. Rund 1500 Menschen sind derzeit in dem Lager untergebracht; die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Irak und Iran und wurden von Schlepperbanden nach Europa gebracht. Sie hoffen auf Arbeit und Asyl in Großbritannien. Bei den Fluchtversuchen kamen schon mehrere Menschen ums Leben.

27.12.2001 14:22