Heißer Krisengipfel erwartet

Vorweihnachtlich harmonisch und besinnlich wird es ganz bestimmt nicht zugehen, wenn sich am Dienstag die ranghöchsten Funktionäre des Fußball-Weltverbandes FIFA in Zürich zum Krisengipfel treffen. Denn bei der Sondersitzung des Exekutivkomitees geht es um einen lückenlosen Kassasturz des Präsidenten Joseph Blatter und um Antworten auf eine besonders wichtige Frage: Bleibt es bei den je 100 Millionen Dollar Zuschuss (111,4 Mio. Euro/1,53 Mrd. S) ) an die WM-Ausrichter 2002 Südkorea und Japan und was wäre daraus für die WM 2006 abzuleiten?
Vor zweieinhalb Wochen war es Blatter im südkoreanischen Busan nicht gelungen, die 23 Exekutivmitglieder davon zu überzeugen, dass der Verband nach wie vor auf Rosen gebettet ist. Vor allem bei Mitgliedern der Europäischen Fußball-Union (UEFA) wuchs der Verdacht, dass die FIFA durch den Zusammenbruch des langjährigen Marketingpartners ISL, aber auch durch Misswirtschaft des Präsidenten in eine alarmierende wirtschaftliche Schieflage geraten sein könnte. Deshalb forderte die Exekutive eine Präzisierung der Finanzlage.
Auch FIFA leidet unter Terrorfolgen
Blatter ("Wir hatten ein schwieriges Jahr") versichert aber weiter, dass das Loch mit rund 360 Mio S überschaubar sei. Kosten in Millionen-Höhe verursachte auch - als Folge der Terroranschläge vom 11. September - der Rückzug des Rückversicherers AXA für die WM 2002. Die FIFA musste teuren Ersatz beschaffen.
Goldgrube Fernsehrechte
All dies aber könnte, so die Einschätzung eines ranghohen Funktionärs, den Verband nicht ins Wanken bringen. Schließlich war die FIFA bei Blatters Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren nicht nur wirtschaftlich kerngesund, sondern hatte obendrein milliardenschwere Verträge in der Tasche. Brachte die WM 1998 Einnahmen aus dem Verkauf der TV- und Marketingrechte von 145 Millionen Schweizer Franken (98,4 Mill. Euro/1,355 Mrd. S), so kassiert die FIFA für die WM 2002 mit rund zwei Milliarden Schweizer Franken (1,36 Mrd. Euro/18,7 Mrd. S) mehr als das Zehnfache.
Blatters Spendierhosen machen UEFA Sorgen
Wo aber ist das ganze Geld geblieben? Das fragen sich vor allem die europäischen Mitglieder der FIFA-Exekutive und äußern den Verdacht, es sei in Blatters Amtszeit offenbar allzu verschwenderisch zugegangen. In der Tat trat der 65 Jahre alte Schweizer vor allem in seinen ersten Amtsjahren überaus spendabel auf. 1999 zahlte er jedem der rund 200 Mitgliedsverbände eine Million Dollar (1,114 Mio. Euro/15,3 Mio. S), jeder der fünf Kontinentalverbände kassierte zudem zehn Millionen Dollar.
FIFA-Angestellte verdienen goldene Nase
Doch Blatter investierte mit einem jährlichen Budget von rund zehn Millionen Schweizer Franken (6,79 Mio. Euro/93,4 Mio. S) auch kräftig in die eigene Administration. Das als Aufwandsentschädigung deklarierte Jahressalär für Exekutivmitglieder wurde drastisch auf 50.000 Dollar (55.457 Euro/763.000 S) angehoben, zusätzlich zum ohnehin voluminösen FIFA-Verwaltungsapparat baute Blatter einen persönlichen Beraterstab mit hoch dotierten Kräften auf. Er selbst soll rund zwei Millionen Schweizer Franken (1,357 Mill. Euro/18,7 Mio. S) verdienen. Neu auf der FIFA-Gehaltsliste stehen zudem jene 70 zumeist hoch dotierten Fachkräfte, die Blatter zur Jahresmitte aus der ISL-Konkursmasse zum Aufbau einer eigenen Marketing-Abteilung übernommen hat.
Was passiert mit dem Geld?
Möglicherweise hat sich die FIFA damit übernommen. Das von Blatter zu seiner Entlastung vor einem Monat vorgelegte Gutachten einer Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft (KPMG) konnte diese Bedenken nicht ausräumen. Stattdessen wuchsen die Zweifel, als die FIFA nahezu zur gleichen Zeit bei einer Investmentbank eine Sicherheitsgarantie von 420 Millionen Dollar (466 Mio. Euro/6,41 Mrd. S) aufnahm. Laut Blatter soll damit der Geldfluss gewährleistet bleiben, andere vermuten jedoch, dass damit Löcher gestopft und Fehler kaschiert werden sollen.
