Dienstag, 11. Dezember 2001

"Marktöffnung hat gut funktioniert"

Die Strommarkt-Liberalisierung wirkt sich auf die Haushaltstromrechnungen positiv aus: Die rund 3,3 Mio. österreichischen Haushalte ersparen sich durch weitere Strom-Verbilligungen rund 2,5 Mrd. S bis 2,7 Mrd. S, schätzt der Chef des Stromregulators E-Control, Walter Boltz.

Neben den Preissenkungen bei der reinen Energie wird dies vor allem aus den zu erwartenden Senkungen der Netztarife im Jahr 2002 resultieren. Insgesamt habe die völlige Marktöffnung gut funktioniert, zog Boltz bei einem Hintergrundgespräch eine erste Zwischenbilanz. Bisher hätten bundesweit 16.000 bis 18.000 Kunden ihren Stromlieferanten gewechselt, etwa die Hälfte davon Haushalte. Diese Wechsel seien aber bereits vor dem 1.10. eingeleitet worden.

Großer Stromwechsel-Schub steht bevor
Der große Schub an Lieferantenwechseln stehe wegen der achtwöchigen Wechselfrist, die für die Netzbetreiber erforderlich sei, daher erst bevor. Mittelfristig, also bis 2005, würden etwa 15 bis 20 Prozent der Kunden wechseln, glaubt Boltz: "Kein Lieferant wird mehr als 90, 91 oder 92 Prozent seiner Kunden halten können." Natürlich könne ein Wechsel auch eine Rückkehr zum früheren Lieferanten bedeuten.

Grundsätzlich sei eine möglichst hohe Wechselrate ein Zeichen für die Reife eines liberalisierten Marktes. In Großbritannien etwa hätten heute mehr als 30 Prozent der Haushalts- und Gewerbekunden einen anderen Lieferanten, in Schweden ungefähr 20 Prozent. Bei großen Industriekunden ist die Rate noch höher: In Großbritannien haben schon 80 Prozent gewechselt. Wichtig für die heimischen Kunden sei, dass der Wechsel leicht möglich sei und nichts zusätzlich koste.

Für 2003 stellt der E-Control-Geschäftsführer eine Neukonzeption der Stromdurchleitungstarife in Aussicht, die einerseits bei den Netzbetreibern schlummernde Rationalisierungs- und Einsparpotenziale aktivieren, den Betreibern aber auch den Ansatz einer höheren Eigenkapitalverzinsung ermöglichen soll: "Die Unternehmen müssen selbst motiviert werden, ihre Kosten zu senken. Im Netz hat in der Vergangenheit einfach der Kostendruck gefehlt." Auf Basis des jetzigen Niveaus sind Boltz zufolge 30 Prozent Kostenreduktion binnen 3 bis 5 Jahren ohne Nachteile für die Versorgungssicherheit drinnen.


Die schon ab Jänner 2002 zu erwartenden Netztarif-Senkungen werden laut Boltz dazu führen, dass der heute bei an die 70 Prozent liegende Netzanteil in den Stromrechnungen mittelfristig auf 55 bis 60 Prozent sinkt und die elektrische Energie dann fast die Hälfte ausmacht. 2002 sei mit einem ersten Absinken auf 62 bis 63 Prozent zu rechnen. Zur Zeit streuen die Netztarife auf der untersten, für die Haushalte maßgeblichen Ebene zwischen 55/60 Groschen und einem Schilling/kWh.

Wienstrom-Zuschlag von 10,22 Groschen je KWK
Den umstrittenen Wiener KWK-Zuschlag von 10,22 Groschen je kWh zur Förderung von Strom aus Kraft-Wärme-Kopplungen halte er für zu hoch, bekräftigte Boltz einmal mehr: "Angebracht wären deutlich weniger, 5 bis 6 Groschen." Neben der Frage, ob dabei Vollkosten oder nur die variablen bzw. Grenzkosten in Rechnung gestellt werden dürfen, stellt Boltz auch in Frage, ob überhaupt alle Stromkunden die Differenz für Fernwärmeenergie zahlen sollten: "Warum soll ich wie bei thermischen oder Wasserkraftwerken hier nicht ebenso auf Null abschreiben?" Bei hoher Energieeffizienz sei ein KWK-Zuschlag als Förderung sinnvoll, etwa bei 85 oder 90 Prozent Wirkungsgrad, bei 65 Prozent aber nicht.

11.12.2001 12:45