Donnerstag, 13. Dezember 2001

Der Italiener liebt das Risiko

Gröden ist "Ghedina-Time". Kristian Ghedina ist auf der Saslong-Abfahrt der Hausherr und immer der große Favorit. Keiner kennt die Strecke so genau wie der 32- Jährige. "In Summe komme ich sicher auf weit über 100 Fahrten, hier habe ich auch mein erstes FIS-Rennen bestritten", sagt der Italiener. Drei Mal hat er hier schon gewonnen und auch am Freitag und Samstag wird der Sieg wohl über ihn führen.

Ghedina ist einer der letzten richtigen "Downhiller" im Weltcup-Zirkus. Einer, der das Risiko, aber vor allem das Leben liebt. Und einer, der sich praktisch jeden Körperteil schon ein Mal verletzt hat. Angefangen hat alles mit einem schwere Autounfall, als er bei knapp 200 km/h nach einem Reifenplatzer aus dem Auto geschleudert wurde. Es folgte eine lange Liste von Operationen mit dem "Höhepunkt" im Vorjahr, als er nach einem Salto mit Abfahrtsski Wirbelrüche und ein gebrochenes Brustbein erlitt.

Spaßvogel
Ghedina kann das aber nicht bremsen. "Heuer habe ich beim Training in Argentinien schon wieder einen Salto probiert - und er ist gelungen", erzählt er. "Ich werde zwar langsam älter und denke mehr nach, aber wenn ich solche Sachen nicht mache, dann fehlt mir der Reiz und der Spaß. Und der ist mir einfach das Wichtigste."

Nicht ganz fit
Auch im Moment ist er nicht ganz fit, eine alte Fußverletzung ist durch einen zu engen Skischuh wieder akut geworden. Zudem zeigte sich im Sommer der "Lebemann" wieder von seiner besten Seite. "Ich bin konditionell noch nicht auf der Höhe, weil ich keinen Spaß am Training hatte. Um ehrlich zu sein, habe ich mehr Pausen gemacht als trainiert."

Recht auf Faulheit
Sein Training ist das Rennen und so fuhr er auch am Mittwoch im ersten Lauf in Gröden voll und zeigte der Konkurrenz, wer das Sagen hat. Dabei weiß er, dass er durch die fehlende Konsequenz einiges verschenkt. "Ich hätte sicher mehr gewinnen können, wenn ich so fleißig wäre wie einige meiner Kollegen. Und jedes Jahr verspreche ich meinen Trainern, dass ich im kommenden Sommer endlich ordentlich arbeiten wäre. Aber das mache ich seit fünf Jahren", sagt er mit einem breiten Lächeln.

Skispringen als Hobby
Viel lieber als das Training ist im da, im Sommer an Auto- und Motorradrennen teilzunehmen. "Ich bin zum Beispiel die Supermotard-Meisterschaft gefahren, da war ich im Training immer super, im Rennen bin ich aber meistens gestürzt", erklärt er. Und auch das Skispringen ist ihm nicht fremd. In Predazzo befuhr er zu Trainingszwecken die Schanzen - mit Alpin-Ski. "Aber ehrlich gesagt: Skispringen ist langweilig. Ich hätte mir das viel schwerer vorgestellt. Und außerdem bin ich nie viel weiter gekommen als knapp 70 Meter." Dabei hat der Mann aus Cortina alle Schanzen (60, 90, 120 m) ausprobiert!

Pizzeria in Cortina
Ghedina ist ein offenes Buch, er ist nach der Ära Tomba wahrscheinlich einer der wenigen, die vom Skisport gut leben können. Allerdings will er nie so bekannt sein wie sein ehemaliger Teamkollege. "Da müsste man sich immer auf Partys zeigen, das liegt mir nicht. Ich bin lieber zu Hause." In Cortina besitzt er eine Pizzeria, nur eine eigene "Pizza Ghedina" gibt es (noch) nicht, die hat zuletzt ein Hotel der Italiener beim Training in die Karte aufgenommen.

Positives Denken
Zum Grundsatz hat er sich positives Denken gemacht. Erst recht nach den Vorfällen von Val d'Isere. "Angst kann man sich nicht leisten. Unser Sport ist ein Risiko und das will ich auch so haben", erklärt er. "An schwierigen Stellen muss man erst recht attackieren, damit man keine Probleme bekommt." In Val d'Isere, wo er die Ereignisse rund um Silvano Beltrametti am Start verfolgte, hat er das Vergessen. "Und prompt hatte ich an der Stelle seines Sturzes Pobleme", erzählt Ghedina - und lacht.

Spaß am Risiko
Der Spaß am Risko ist sein Elixier, ein Ende ist nicht in Sicht. "Mein Ziel ist es, bei den Winterspielen 2006 in Turin noch dabei zu sein. Da bin ich zwar 37, aber ich wenn ich Spaß habe, ist das kein Problem. Außerdem weiß ich nicht, was ich nach dem Ski fahren machen soll. Ich habe mein Leben dem Ski fahren geopfert, es ist alles für mich." Und alles wäre für ihn auch ein weiterer Sieg in Gröden - und der ist nicht unwahrscheinlich.

13.12.2001 15:17