Dienstag, 11. Dezember 2001

Zwei Siege innerhalb von 24 Stunden

In Val d'Isere war es noch eine kleine Überraschung. Bode Miller brachte endlich zwei perfekte Laufe ins Ziel und gewann sein erstes Weltcup-Rennen. Und dieser Sieg scheint dem 24-jährigen weitere Flügel zu verleihen. Nur 24 Stunden nach seinem Erfolg doppelte er in Madonna di Campiglio im Slalom nach und beendete auch hier eine lange US-Durststrecke. Wie schon im Riesentorlauf bedeutete es den ersten US-Erfolg seit 1983. Damals hatte Steve Mahre gewonnen - in Madonna die Campiglio. So schloss sich im italienischen Nobelskiort der Kreis. Miller hat jedoch mit dem Siegen erst begonnen.

Damit ist der Sunny-Boy auch im Gesamt-Weltcup eine heiße Nummer. Ganze 15 Punkte liegt er hinter Stephan Eberharter, dabei hatte der einen nahezu perfekten Start in den Winter. Und Miller nimmt es locker. "Ja, stimmt schon. Der Gesamtweltcup ist mein großes Ziel. Aber nicht nur heuer, sondern im Allgemeinen. Es zeigt eben, dass man über eine gesamte Saison sehr gut gefahren ist", sagt er. Doch zunächst wartet auf ihn Olympia. Die Winterspiele haben in den Vereinigten Staaten einen besonderen Stellenwert, seine Siege sind die beste Werbung. "In den USA ist Olympia fast etwas Mystisches. Und es ist gut, dass wir jetzt eine Mannschaft haben, die gewinnen kann."

Bei WM in St. Anton schwerer Sturz
Dass Miller gewinnen kann, hat man schon lange gewusst. Nur die Konstanz fehlte dem Draufgänger aus Franconia im US-Bundesstaat New Hampshire noch, doch die scheint er nun gefunden zu haben. Dabei sah es vor nicht einmal einem Jahr für ihn gar nicht so gut aus, waren doch nach dem Sturz in der Kombinationsabfahrt bei der WM in St. Anton Kreuzband und Meniskus "kaputt". "Aber ich hatte Glück und Dr. Steadman in Vail. Er hat zwei Operationen gemacht, bei der zweiten wurde festgestellt, dass das Kreuzband untypischerweise nicht in der Mitte, sondern am Ansatz gerissen war. Deshalb musste ich keine Plastik bekommen, sondern mein 'altes' wurde wieder angenäht. Das hat die Sache vereinfacht."

Ein Besessener
Miller stürzte sich bald ins Training, arbeitete wie ein Besessener und hatte zudem das Glück, dass ihm die Firma Fischer einen perfekt auf ihn abgestimmten Ski liefert. Besonders motiviert hat ihn aber nicht zuletzt die Übermacht der Österreicher. "Es macht auf Dauer keinen Spaß, wenn man nach jedem Rennen gefragt wird: Warum seid ihr so schlecht und die Österreicher so gut?", witzelt er. "So gesehen hatten wir es leichter als sie. Denn wir hatten einen Punkt, an dem wir uns orientieren konnten, sie aber können nur sich selbst immer wieder pushen."

Matt und Co. um die Ohren gefahren
Schneller, als sich das so manch heimischer Skifan erwartet hatte, wendete sich nun aber das Blatt. Miller führt eine Handvoll Läufer an, die Weltmeister Mario Matt und Co. um die Ohren gefahren sind - zumindest in Madonna. Allerdings bleibt Miller trotz des überlegenen Triumphs am Boden. "Bei mir ist das im Moment was Anderes, ich fühle mich einfach großartig." So großartig, dass er nun das für bisher Unmögliche möglich macht.

Glücklich über guten Ausgang
"Vor dem zweiten Lauf hier habe ich im Fernsehen zunächst Vidal zugeschaut. Der hatte ein perfektes Rennen, ich dachte, besser geht es nicht. Dann kam Stiansen - und der fuhr besser. Und dann auch noch Rocca, der war überhaupt am besten. Ich habe das genossen und gedacht, ich muss alles geben, damit ich da mitkann. Umso glücklicher bin ich, dass es sich ausgegangen ist."

Trost für die Österreicher
Den Österreichern spendete er Trost: "Vier Leute sind hier die Läufe ihres Lebens gefahren. Da kann man eben nicht immer mit. Aber die Österreicher haben noch immer das beste Team der Welt und auch sie werden wieder solche Läufe haben." Einstweilen kostet er aber das Siegesgefühl voll aus. Wenn auch nicht in seinem zweiten Zuhause, das er sich mit Gefährten Erik Schlopy in Tirol am Brenner geschaffen hat. Beide haben dort ein Haus gemietet, ein Anlaufpunkt für die lange Zeit in Europa. Und ein wichtiger Punkt für Miller. "Es hilft, wenn man zwischendurch nach Hause kommen kann."

Weihnachten zu Hause
Weihnachten wird er dann aber wirklich zu Hause verbringen. Und seinen Freunden vielleicht erklären, was es heißt, nach den Dezember-Rennen Führender im Gesamtweltcup zu sein. Aber die interessiert ja ohnehin "nur" Olympia.

11.12.2001 12:01