Mittwoch, 12. Dezember 2001

Panik unter den Parteikollegen

Vom Temelin-Trommelfeuer seiner Parteifreunde entnervt, spekuliert Karl-Heinz Grasser ernsthaft damit, der Politik den Rücken zu kehren. Sein umgehendes Dementi ändert nichts daran, dass Grasser mit den Zuständen in den eigenen Reihen alles andere als zufrieden ist. Unter seinen Parteifreunden brach allein angesichts der Möglichkeit, Grasser könnte das Handtuch werfen, Panik aus.

Karl-Heinz Grasser, Finanzminister und Sonnyboy der Regierung, hat wieder einmal das feine Gespür für Machtkämpfe. Und den Zeitpunkt, zu dem es besser ist, den Kopf einzuziehen und sich nicht auf Diskussionen einzulassen. Und wann der Zeitpunkt gekommen ist, potenzielle Gegner wissen zu lassen, dass da ja noch ein Trumpf im Ärmel steckt...

Ein Herz-Ass mit Namen Karl-Heinz
Und derzeit ist es offenbar wieder einmal Zeit, den „geliebten“ Parteifreunden, allen voran seinem einstigen politischen Ziehvater Jörg Haider und Scharfmachern wie Klubchef Peter Westenthaler, ausrichten zu lassen, dass man auf den Politjob nicht angewiesen sei. Und, ohne es hinzuzufügen, zu meinen: „im Gegensatz zu euch, liebe Parteifreunde“. Grasser-Botschaft an die FPÖ. Grasser lässt bereits seit einigen Wochen Vertraute in der Partei wissen, dass er sich im Ministerjob nicht mehr richtig wohl fühle und sich eine berufliche Veränderung vorstellen könnte. Um wie schon einmal mit einem spektakulären Rückzug aus der Politik für Schlagzeilen zu sorgen.

Unverzügliches Demeti von Grasser
Als diesen Dienstag öffentlich darüber spekuliert wurde, dass Grasser als Chef zu Frank Stronachs Magna Europa wechseln könnte, beeilte sich der Finanzminister, unverzüglich zu dementieren. Denn der mögliche Abgang des blauen Musterministers löste parteiintern Panik aus: Von Vizekanzlerin und Parteichefin Susanne Riess-Passer abwärts wollten die FP-Granden von Grasser umgehend wissen, was denn Wahres an diesen Gerüchten sei. FPÖ-Frust und Ausstiegslust. Grasser tat sich leicht zu dementieren: Denn der vom „Standard“ kolportierte angebliche neue Grasser-Job im Magna- Konzern ist mit Siegfried Wolf bestens besetzt.

Grassers Frust mit der FPÖ
Seinen Frust mit dem blauen Regierungskurs und seine Rücktrittslust kann und will Grasser auch weiterhin nicht leugnen: Denn die Parteilinie der FPÖ ist in vielen Fällen nicht die seine, und Grasser selbst verfügt über zu wenig Hausmacht, um daran etwas zu ändern. So hat es Grasser inzwischen ziemlich satt, sich bei internationalen Auftritten, die er persönlich in höchstem Ausmaß genießt, regelmäßig für Ausritte der Freiheitlichen gegen Europa und diverse Verbalinjurien entschuldigen zu müssen.

Jüngstes Beispiel: die Causa Temelin
Hier ist der überzeugte Europäer Grasser von den Parforceritten mancher FPÖler inzwischen mehr als angewidert. Denn ihm ist klar, dass erstens gar kein Veto gegen einen einzelnen Beitrittskandidaten eingelegt werden kann, sondern über die Erweiterungsländer insgesamt abgestimmt wird. Und zweitens will Grasser wegen eines tschechischen Kernkraftwerkes, das zumindest sicherer ist als so manches westliche Atomkraftwerk, sicher nicht riskieren, dass die FPÖ wieder auf der harten Oppositionsbank landet.

Was ist dran, am Rücktrittsgerücht? Lesen Sie alles darüber im neuen NEWS!

12.12.2001 16:29