Mittwoch, 12. Dezember 2001

Generalintendant stellt sich der Wahl

Generalintendant Gerhard Weis wird für die Wahl zum ORF-Boss antreten. Und die Nervosität im Vorfeld der Wahl steigt: Am Mittwoch waren Tonstörungen während der Parlaments-Live-Übertragung Anlass für polemische Bemerkungen der Klubobleute der Regierungsfraktionen. ÖVP-Klubchef Andreas Khol meinte, von der "wichtigen Rede" Vizekanzlerin Susanne Riess-Passers (F) sei lediglich "ein Satz" zu verstehen gewesen. "Ein Schelm, wer dabei Schlechtes denkt", so Khol im Plenum des Nationalrates.

Auch FP-Klubobmann Peter Westenthaler ritt neuerlich heftige Attacken. Zum Insert "Tonstörung" während der Rede der Vizekanzlerin meinte er wörtlich: "Der ORF hat uns mitgeteilt, dass er nachhaltig gestört ist." Daher sei eine "umfassende Erneuerung" notwendig. Es sei bezeichnend, dass es Leitungsstörungen nach Brüssel zu Bundeskanzler Wolfgang Schüssel gegeben habe und heute vom Parlament auf den Küniglberg bei der Vizekanzlerin, Leitungen aus Jalalabad und Kabul jedoch ohne Probleme funktionierten.

"Ich bin überzeugt", so der Klubchef, dass eine neue Geschäftsführung auch "neue Funk- und Kabelleitungen zu Stande bringen" werde.

Laut Thomas Ortner, Chef der Parlamentsredaktion des ORF, habe es zwar deutliche Tonstörungen gegeben. Die Rede der Vizekanzlerin sei jedoch durchgehend auf Sendung gewesen. "Ursache für die Tonstörungen war vermutlich ein Defekt in einem Ton-Mischpult. Die Techniker haben aber fieberhaft an der Behebung des Schadens gearbeitet und ihn letztlich auch rasch behoben", betonte.

Der Grüne Wirtschaftssprecher Werner Kogler übte heftige Kritik am Stil der Regierungsvertreter und meinte in Richtung Khol: "Offensichtlich schützen rot-weiß-rote Krawatten vor Anfälligkeiten für Bierzeltpolemik auch nicht mehr."

Generalintendant Weis
Über seine vorhandenen und möglichen Konkurrenten bei der ORF-Wahl spricht Weis nicht: "Das gehört sich einfach nicht, das ist unanständig." Seine eigene Kandidatur bleibt aufrecht. "Ich nehme an, ich werde wohl bei dieser Bewerbung bleiben." Weis hatte bei der Bekanntgabe seiner Bewerbung angekündigt, er könne diese zurückziehen, wenn ein Kandidat auftauche, der "den Erfolgskurs des Unternehmens mit der Glaubwürdigkeit, die es braucht, weiterführen" könne.

Keine Angaben möchte Weis auch über das Konzept machen, mit dem er zur ORF-Wahl antritt. "Darüber werde ich dem Stiftungsrat Auskunft geben. Über das Fell des Bären soll man nicht spekulieren, so lange er sich im Wald bewegt", nimmt er Anleihen in der waidmännischen Bilderwelt. Weis verweist stattdessen auf den Ergebnisbericht über seine Amtsperiode, den er vergangene Woche dem ORF-Kuratorium vorgelegt hat. "Alles, was ich in meiner Leistungsbilanz dargeboten habe, ist nach meinem Dafürhalten - unter den veränderten Bedingungen des neuen Gesetzes - weiterzuführen. Das war Teil des Erfolgskurses, den wir gefahren haben, und ich trete dafür ein, diesen Erfolgskurs weiterzuführen."

Im Programmbereich sei "jetzt viel kreative Leistung gefordert" - durchaus mehr als jetzt, meint er zur Entwicklung neuer öffentlich-rechtlicher Formate. "Das liegt auf der Hand, das fordert auch das Gesetz. Darüber hinaus betont Weis den Stellenwert des Föderalismus für den ORF als "Zentralanstalt der österreichischen Identität". "Das ist mit Sicherheit eine zentrale Aufgabe, aber mit Sicherheit eine, die sich nicht rechnet. Das kann nur ein öffentlich-rechtlich verfasster Rundfunk leisten."

"Redimensionierungen" im Programm werde es schon aus Kostengründen geben müssen, so Weis weiter. "Ein öffentlich-rechtliches Unternehmen hat nie genug Geld. Und wenn es nicht genug Geld hat, dann wird es halt Prioritäten setzen müssen, was automatisch auch die Zurückstufung anderer Programmbereiche heißt. Da wird sich einiges tun müssen." Welche Programmbereiche davon berührt sind, will er aber nicht ausführen.

Keine Auskunft gibt er über die mögliche Struktur der künftigen ORF-Geschäftsleitung und die Anzahl der Direktoren. Auch konkrete Namen könnten erst nach Ablauf der Bewerbungsfrist für die Direktorenposten genannt werden. Durch "Packeln", also Deals im Vorfeld, würde dagegen die Glaubwürdigkeit nach außen und nach innen verloren gehen. Ein Programmpunkt für die neue ORF-Spitze sei der Kollektivvertrag für die freien Mitarbeiter im ORF, erklärt Weis schließlich. Dieser sei nicht zuletzt notwendig, um die "Mehrklassengesellschaft zu Gunsten einer einheitlichen Lösung" umzugestalten. "Ich denke, dass ein 'KV neu', der ab einem bestimmten Zeitpunkt für alle gilt, hier eine Situationsbereinigung sein könnte und sein müsste."

12.12.2001 11:16